Kultur : KURZ  &  KRITISCH

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Gemopst: „Sing um dein Leben“  in der Hauptstadtoper

Seit einiger Zeit werben die drei großen Opernhäuser für sich unter dem griffigen Schlagwort „Hauptstadtoper“. Dies wäre nicht Berlin, wenn nicht sofort jemand den Begriff ironisieren würde. Seit Anfang 2009 reklamiert eine Gruppe freischaffender Künstler um die Sängerin Kirstin Hasselmann den Namen auf maßlose, aber sympathische Weise für sich. In einem Gewerberaum in der Rungestraße 12 in Mitte führen sie seither Oper ohne Subventionen, Konzeptförderung und Sponsoren auf, immer mit dem Ziel, durch Reduktion auf ihre Bestandteile die Wirkungsweise der Kunstform zu verdeutlichen und somit neues Publikum zu erschließen.

In der neuen Produktion „Sing um dein Leben“ (Premiere am heutigen Freitag, erneut am 1., 13., 27.11. und 11. und 18.12., 20 Uhr) weitet sich der enge Raum zum Opernkontinent. Kirstin Hasselmann singt Arien aus einigen der bedeutendsten Werke des Repertoires, schneidend scharf ist ihr Sopran in der Höhe, mit Inbrunst und frechem Grinsen wirft sie sich in die Rollen, bricht bei Elisabeths Gebet im „Tannhäuser“ plötzlich ab („bei allen Sparmaßnahmen – das ist nun wirklich nicht meine Partie“), um sich im nächsten Moment als fahrige Besucherin mit Zonengabi-Frisur fürchterlich über Carmen aufzuregen („die will doch jetzt nicht etwa diesen Mops anbaggern?“).

Begleitet wird sie von Johannes Zapotoczky (Cello) und Alexander Klein (Klavier). Am Ende des Parforceritts unter der Regie von Stephan Bielinski steht natürlich das Opernfinale schlechthin, das überirdische Duett aus dem „Rosenkavalier“. Da dürften die meisten Besucher längst Blut geleckt haben. Udo Badelt

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Verspielt: Das Young Euro Classic Ensemble Südosteuropa in Berlin

Dass Musik eine politisierbare Sprache ist, die auch dort funktioniert, wo andere Kommunikation versagt, das weiß man in Berlin. Barenboims West Eastern Divan Orchestra ist hier Stammgast und wenn am 9. November die Orchester und Chöre der ehemaligen Ost- und West-Rundfunkanstalten erstmals zusammen konzertieren, dann ist das derselben Überzeugung geschuldet. Kaum verwunderlich also, dass auch das neu gegründete „Young Euro Classic Ensemble Südosteuropa“ seine politisch gewagte Tournee durch Serbien, Mazedonien und den Kosovo in Berlin beginnt.

Ein ausschweifendes Programm haben die überwiegend vom Balkan stammenden Musiker unter der Leitung der georgischen Geigerin und Dirigentin Liana Isakadze mit in die St. Matthäuskirche gebracht. Rossini, Vivaldi, Mozart, Mendelssohn, Schostakowitsch: Bevor wir uns entscheiden müssen, spielen wir einfach alles – so hielten es ja schon beim diesjährigen Young Euro Classic-Festival viele Programme. Immerhin: Die Höhepunkte überwiegen bei diesem musikgeschichtlichen Langstreckenflug.

Was Isakadze nach einer beschwingten Rossini-Sonate in Schostakowitschs Kammersymphonie op.110a aus dem Ensemble herausdirigiert, beeindruckt. Man muss wohl nicht aus Ländern kommen, in denen vor zehn Jahren noch Krieg herrschte, um das Pendel zwischen Resignation und Aggression hier so expressiv auszuloten. Doch es ist nicht zu überhören, dass in den flirrenden Halbtonschwaden auch persönliche Schicksale mitschwingen.

Auf solches Niveau wartet man nach der Pause vergebens. Isakadze spielt Mendelssohns erstes Violinenkonzert selbst, eher kantig als schön, fehlt dem Orchester zugleich aber dramatisch als Dirigentin. Mit Mozarts „Salzburger Symphonie“ bleibt die erleichternde Gewissheit des lieto fine. Zumindest auf der Konzertbühne. Daniel Wixforth

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