Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg Königsdorf

OPER

„Der Maskenball“

an der Deutschen Oper

Marcelo Alvarez geht aufs Ganze: Mit seinem neuen Album „The Verdi Tenor“ (Decca) hat der Argentinier gerade seinen Anspruch auf die Königsdisziplin seines Fachs angemeldet. Viel Konkurrenz muss er nicht fürchten: Während die alten Verdi-Kämpen wie Placido Domingo und Neil Shicoff stracks auf die Verrentung zumarschieren, haben die jüngeren Hoffnungsträger wie Roberto Alagna und José Cura bisher eher enttäuscht, und derzeit steht in den Sternen, wie das Verdi-Jubiläum 2013 angemessen gefeiert werden soll. Bei seinem Auftritt im „Maskenball“ der Deutschen Oper zeigt Alvarez nun, dass er zumindest nahe dran ist am echten Verdi-Tenor: Vom verletzlich-mürben Pianissimo des unglücklich Verliebten bis zu den strahlenden, mühelos raumfüllenden Spitzentönen des Draufgängers zeigt er für seinen Gustavo die ganze Ausdruckspalette, die diesen disparaten Verdi-Helden interessant macht. Ein paar verkratzte tiefe Töne fallen da nicht weiter ins Gewicht und zeigen eher, dass Alvarez sich für die dramatischeren Verdi-Partien noch ein paar Jahre Zeit lassen sollte. Als Gustavo allerdings ist Alvarez ideal, zumal er nicht nur ausdrucksstark und tonschön singt, sondern auch noch als Darsteller alles tut, um Götz Friedrichs 16 Jahre alte Inszenierung wieder zum Leben zu erwecken. Den zweiten Star des Abends kann er leider nicht animieren: Dmitri Hvorostovsky steht wie angenagelt auf der Bühne und vereinfacht seinen Renato auch vokal zum raubauzigen Macho. Schade, zumal der Rest der Besetzung (herausragend: Ewa Wolaks dämonische Ulrica) mit den Stars gut mithalten kann – trotz chronischer Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Bühne und Orchestergraben. Aber das hat sich vielleicht bei der zweiten Aufführung heute abend schon eingerenkt (noch einmal am 5.11.) Jörg Königsdorf

ROCK

Rosa Rock: The Big Pink

im Lido

BIG steht groß und pink auf der Basstrommel des Schlagzeugs. Das ist aber auch das einzige, was bei The Big Pink an Barbie erinnert. Das britische Elektro-Rock- Duo ist schlecht frisiert, trägt Dreitagebart und Muskelshirt. Sänger Robbie Furze hämmert in die Saiten seiner E-Gitarre, als müsse er seinen Bizeps noch mehr trainieren. Und Milo Cordell drückt und dreht Knöpfe, als könne er mit seinen dumpfen Beats das Publikum hypnotisieren.

Die elf Liebesgeschichten, die The Big Pink auf ihrem Debütalbum „A Brief History of Love“ erzählen, kommen auf ihrer Platte etwas flach daher. Live gibt es jedoch keinen Softpop, eher Halloweenstimmung: Die beiden Londoner rocken verbissen, der Bassgitarrist taumelt wie in Trance herum, und die kleine Asiatin mit dem roten Lippenstift und den Drumsticks versinkt in Nebelschwaden.

Samtig pink wird es nicht mal für die Ballade „Velvet“. Ihrer ersten Singleauskopplung gönnen The Big Pink nur gnadenloses Flackerlicht, düstere Töne und strenge Mienen. Dabei sind ihre Aussichten rosig: Auf der BBC-Liste der wichtigsten Bands 2009 steht ihr Name, in ihrem Wohnzimmer der renommierte NME-Award. Zuhause erobern die zwei Inselbewohner mit „Dominos“ gerade die Charts, auf dem Festland die Fans. Schon allein, weil der 28-jährige Cordell mit seinem eigenen Label Merok Dancerocker wie Klaxons oder Crystal Castles aufgespürt und Robbie Furze mit der Berliner Noise-Legende Alec Empire für Krach gesorgt hat. The Big Pink sind also auch ohne rosarote Brille vor allem eines: groß. Annabelle Seubert

THEATER

„Die Mitschuldigen“

Im Theater im Palais

Ein hessisches Wirtshaus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Vier Leutchen suchen hier ihr Glück, sie haben weder Geld noch Liebe, nur ihre Lust auf fesselloses Vergnügen ist groß. Goethe schrieb sein Lustspiel „Die Mitschuldigen“ durchaus in der Absicht, männliche wie weibliche Irrungen und Wirrungen zum Nachweis für die „seltsamen Irrgänge“ der „bürgerlichen Sozialität“ zu machen. Und doch sollte die kleine Geschichte, an der er sich über Jahre in mehreren Fassungen abarbeitete, auch heiter sein. Schneidige Gesellschaftskritik also an einer Welt, in der alles Moralische nur die Oberfläche berührt, oder ein harmloser Spaß mit Dieberei, versuchtem Ehebruch und krankhafter Gier? Yves Jansen entscheidet sich im Theater im Palais für die freundliche Variante, die behäbige Beobachtung fehlbarer Menschen. Ute Falkenau fügt dem Text (gespielt wird die zweite Fassung von 1769) mit seinen Alexandrinern singspielhafte Musik hinzu. Augenzwinkernde Unterhaltsamkeit ist damit vorgegeben, über die Abgründe von Bosheit und Lüge hangeln sich die Schauspieler hinweg. Im Puppenstuben-Bühnenbild von Franz Zauleck sind alle ein bisschen wurmstichig, und am Ende bleibt nur zu singen: „Für diesmal wär’s vorbei“. Carl Martin Spengler gibt dem Wirt etwas anrührend Verwirrtes, Bianca Ballhorn versieht das Wirtstöchterlein mit einer Unschuld, die gegen den sündigen Reiz der Verführung keck zu Felde zieht. Jan Becker und Maximilian Claus, die Rivalen Alcest und Söller, halten ihre Arroganz gegenseitig in Schach. Zwei Kampfhähne bringen sie nicht auf die Bühne – der Abend bleibt artig. Auch Goethe schlug im gereiften Alter vor (Brief an Schiller, 1805), in dem Stück alles, was gegen die Dezenz geht, zu mildern und zu vertuschen. Wenn man das ernst nimmt, liegt die Aufführung also gar nicht so falsch (wieder am 12. und 13. November). Christoph Funke

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