Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Uwe Friedrich

KLASSIK

Eulenspiegeleien mit dem RSB und dem Tonhalle-Orchester Zürich

Die weit geschwungenen Melodielinien in Toru Takemitsus „Fantasma/Cantos“ antworten auf Mozarts Klarinettenkonzert, das Sabine Meyer mit dem Tonhalle-Orchester Zürich vor der Pause gespielt hatte. Ein weiteres Mal lässt sie ihr faszinierendes Piano durch den Raum schwingen, zeigt die bewundernswerte technische Vollendung vor, die seit Jahren ihr Markenzeichen ist.

Sabine Meyer ist eine Perfektionistin und hat dafür bestimmt sehr lange geübt. Leider vermittelt sie mit ihrem Spiel vor allem den Eindruck, dass hohe Kunst harte Arbeit ist und die Ausführung nicht unbedingt Vergnügen bereitet. Ihr Musizieren hat dadurch immer etwas Angespanntes und Streberhaftes. Die Perfektion wird zum Selbstzweck und verdrängt die Kommunikation mit dem Publikum. Auch mit dem Dirigenten David Zinman verbindet sie höchstens eine Zweckgemeinschaft. Schon während des Mozart-Konzerts dreht sie sich immer wieder zum Orchester, als wolle sie lieber selber dirigieren. Kontrolle statt Dialog ist ihre Devise. Dabei haben Zinman und seine Truppe einiges anzubieten, wie sich in Robert Schumanns vierter Sinfonie zeigt. Zwei moderne und zwei Naturhörner sorgen für einen leicht angerauten Klang, Zinman geht das pausenlose Werk kompakt und dynamisch an. Kunstvoll arbeitet er die Motive plastisch heraus, ohne die Kompositionsstruktur über den Klang zu stellen. Ähnlich kriegt er auch Richard Strauss’ „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ in den Griff. Kompakt und effektvoll, mit dramatischen Ausbrüchen und gründerzeitlicher Wucht interpretierten die Eidgenossen den teutonischen Humor.

Viel wehmütiger gingen am Sonntag Bertrand de Billy und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit demselben Werk um. Hier findet sich ein Schimmer von „Rosenkavalier“-Nostalgie, mit dem auch noch die selten aufgeführten Tenorlieder vergoldet werden. Piotr Beczalas betörende Stimme strömt in diesem flirrenden Dämmerlicht mühelos über dem stets transparenten Orchesterklang. Bertrand de Billy legt dem Sänger einen flauschigen Mantel aus luxuriösem Streicher- und Hörnerklang um, in den Beczala sich behaglich einkuschelt. Um das zu können, hat er mindestens so lange geübt wie Sabine Meyer, aber das lässt er sein Publikum nie spüren. Stattdessen beschenkt er seine gebannten Zuhörer großzügig mit unauffälliger Eleganz, mühelosen Spitzentönen und perfekter Diktion, kurz: mit makellosem Gesang.

In bester Verfassung zeigte sich das RSB auch bei Ravels impressionistischer Klangfarbenzauberei in „Le tombeau de Couperin“, machte schließlich jeden einzelnen Instrumentenwechsel im „Boléro“ zum Ereignis – und feierte so den Klang gewordenen Rausch. Uwe Friedrich

ROCK

Grandios zersaust: The Dead Weather im Astra-Kulturhaus

Vielleicht ist dieser Jack White als Junge in einen Kessel voller Zaubertrank gefallen. Das würde erklären, warum alles zu Gold wird, was der 34-Jährige anfasst. Jedes Mal, wenn er eine neue Band ins Leben ruft, ist das Ergebnis größer als die Summe der einzelnen Teile. Das gilt auch für The Dead Weather, deren vibrierender Heavy-Bluesrock im ausverkauften Astra-Kulturhaus alle Beteiligten zu Höchstleistungen motiviert. Etwa Dean Fertita, Nebendarsteller bei den Queens of the Stone Age. Hier brilliert er als Gitarren-Axeman, dessen Koteletten sich bei vulkanischen Solo-Eruptionen vor berechtigtem Stolz sträuben. Oder der kauzige Jack Lawrence, der mit riesiger Brille wie ein Highschool-Nerd wirkt und seinen Bassläufen noch mehr Groove einhaucht als bei den Raconteurs.

Und natürlich Alison Mosshart. Man ist von der Sängerin des Garagenrock-Duos The Kills einiges an Wildheit gewohnt, aber hier wirkt sie noch enthemmter. Wenn sie nicht wie eine kreischende Megäre über die Bühne zuckt, kauert sie in lasziven Verrenkungen auf den Monitorboxen und sieht aus wie eine lauernde Vampirin.

Und Meister White? Der klemmt sich, als hätte er nie etwas anderes getan, hinter ein winziges Drumset und trommelt mit kleiner Geste und großem Effekt – dass der Mann auch noch ein toller Schlagzeuger ist, hätte man sich ja denken können. Natürlich hält es ihn nicht den ganzen Abend im Hintergrund: Die fatalistische Ballade „You just can’t win“ singt er zum Schrummschrumm von Gitarre und Bass. Beim majestätischen „Will there be enough Water?“ brandet Jubel auf, weil White endlich zur Gitarre greift und ein grandios zerzaustes Solo spielt, während er mit Alison Mosshart so innig in ein Mikrofon singt, als würden sich ihre Münder zum Kuss vereinen.

75 Minuten lang werfen sich The Dead Weather mit der Leidenschaft der ersten Liebe in jeden ihrer großartigen Songs, die sich an Giganten wie Led Zeppelin messen dürfen. Fantastisches Konzert. Jörg Wunder

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