Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H.P. Daniels

POP

Gitarren statt Knarren:

Tinariwen im Kesselhaus

„Bonsoir! Ca va? Guten Abend!“ sagt der Mann im weißen Turban mit verschleiertem Gesicht und langem Kaftan. Er zupft eine elektrische Blues-Figur aus einer akustischen Gitarre. Seine ähnlich gekleideten Stammesgenossen nehmen das melodische Muster auf, weben zwei weitere Gitarren, Bass und Percussions ein, knüpfen einen dichten Soundteppich. Abdallah Ag Alhousseyni singt „Tenhert“, ein rasant gerapptes Gedicht vom neuen Album der Sahara-Rocker Tinariwen aus Mali. „Imidiwan“ heißt ihre vierte Platte, was so viel bedeutet wie Weggefährten, Leidensgenossen. Weggefährten waren die Gründungsmitglieder von Tinariwen schon vor dreißig Jahren, als sich die Musiker vom Nomadenstamm der Tuareg zur Band zusammenfanden und der Propaganda Gaddafis folgend in Libyen zu Freiheitskämpfern ausbilden ließen. Irgendwann war ihnen die Musik wichtiger als der bewaffnete Kampf. Sie zogen elektrische Gitarren den Knarren vor, nahmen Platten auf, wurden Stars. Jetzt stehen sie auf der Bühne im Kesselhaus und entzücken ein weißes Großstadtpublikum mit ihrem Zusammenspiel aus Sprache, Poesie und Volksmusik der Tuareg mit westlichen Blues- und Rockelementen. Auf einen rhythmischen Grundakkord schichten sie grobe Gitarrenriffs mit jeder Menge „Hammer-Ons“ und „Pull-Offs“. Darüber legen sie ihre elegischen, von arabischer Melodik getragenen Chorgesänge. Erstaunlich, welch abwechslungsreichen Ausdruck, welch hypnotische Kraft Songs mit einem einzigen Akkord entfalten. Die körperliche Ausstrahlung dieser exotisch schönen Musik versetzt in Trance. Vielleicht wäre die Welt besser, könnte man allen Kämpfern elektrische Gitarren geben. H.P. Daniels

KLASSIK

Wen die Fee küsst:

Jacques Delacôte im Konzerthaus

Vielleicht ist es dieser unpersönliche Eklektizismus, der es vielen Werken vom Beginn des 20. Jahrhunderts so schwer macht, ins Herz zu gehen. Gershwin, Strawinsky oder Janácek bedienten sich an allem, was ihnen in die Ohren kam: Großstadt-Sound, Volkslieder, Tänze oder Musik alter Meister. Die Ergebnisse klingen heute oft konstruiert. Mutig also, wenn Jacques Delacôte und das Konzerthausorchester genau diese Komponisten zusammenfügen, wenn sie die bunte Stilmix-Ästhetik der Zwanziger mit Wirkstoffverstärker injizieren (noch einmal heute, 16 Uhr). Schon bei Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“ wird Delacôtes Intention deutlich: Gefühle wecken für diese nur scheinbar oberflächliche Musik. Wenn der Franzose jeden Stilbruch des Komponisten geduldig erklärt, dann dient das dem Entdecken der Musik hinter dem Klang. Auch bei Darius Milhauds „Le bœuf sur le toit“ tritt der populäre Charakter der Volkstänze hinter die Kunstfertigkeit ihrer Aneinanderreihung. Frakturlos erstellt das Orchester Dramaturgien. Da ist es nur konsequent, wenn Delacôte in Strawinskys Divertimento „Le baiser de la fée“ keinerlei Versuch unternimmt, die Musik schönzufärben. Erst Leoš Janáceks Rhapsodie „Taras Bulba“ stimmt das Publikum wieder versöhnlich. Daniel Wixforth

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben