Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Maxi Sickert

JAZZFEST

Klänge und Kanten: Barry Guy und Dave Holland im Festspielhaus

Es geht doch. Das Barry Guy New Orchestra polarisierte im Festspielhaus das Publikum, das reihenweise das Konzert verließ und mit Buh-Rufen gegen dieses großartige infernalische Klanggewitter protestierte. Das für seinen Auftritt beim Jazzfest komponierte Stück, in dem es um Schmetterlinge ging, hatte der britische Bassist Barry Guy Gaststar Elliot Sharp auf die E-Gitarre geschrieben. Dieser kam mit goldenem Instrument auf die Bühne und eröffnete das Konzert mit einem zehnminütigen Solo. Das mit Evan Parker, Trevor Watts, Mats Gustafsson und Johannes Bauer prominent besetzte New Orchestra reagierte abstrakt auf die Handzeichen Guys, der jedoch seinen Musikern wenig Freiraum ließ.

Insgesamt war es ein Abend der Bassisten. Nach der Verleihung des Deutschen Jazzpreises an Eberhard Weber präsentierte sich der britische Bassist Dave Holland mit dem Overtone Quartet. Holland, der mit Miles Davis das Album „Bitches Brew“ einspielte, hatte in den Sechzigern mit Barry Guy an der Guildhall School of Music and Drama studiert. Während beide sich zuerst der Übersetzung barocker Strukturen auf zeitgenössische Avantgarde widmeten, wandte sich Holland zunehmend dem klassischen Jazz zu. So bildete das Overtone Quartet einen Gegensatz zum New Orchestra. Obwohl Holland betonte, sein Quartett sei ein gleichberechtigtes Kollektiv, stand er im Mittelpunkt. Während Schlagzeuger Eric Harland die Geschwindigkeit erhöhte, blieb der Rest des Overtone Quartet blass. Trotzdem ein mutiger Abend in einem seit langem wieder Kanten zeigenden Jazzfest-Programm. Maxi Sickert

POP

Körper und Kult:

Psychic TV im Festsaal Kreuzberg

Große Augen irren über die Bühne. Der dazugehörige Körper mit den wasserstoffblonden Haaren sieht aus wie eine Mischung aus Lady Gaga und einem der Gruft entstiegenen Brian Jones, der seine Zähne gegen ein Gebiss aus Gold getauscht hat. Da haben wir ihn wieder: Genesis-P-Orridge, den Mitbegründer der Industrial-Pioniere Throbbing Gristle sowie Sänger und Anführer des Nachfolgeprojekts Psychic TV, eine der bizarrsten Figuren der Popkultur. Seit neun Jahren lässt sich der 1950 in Manchester geborene Radikal-Performer mit Hormonbehandlungen und chirurgischen Eingriffen zur Frau umwandeln, um „eine neue Stufe in der Evolution der Menschheit“ zu erreichen. Zahlreiche Fans überprüfen im Festsaal Kreuzberg, ob die vor fünf Jahren in New York reformierten Psychic TV noch zum Bürgerschreck taugen. Vor dem Hintergrund einer psychedelischen Körperkult- und Porno-Videoshow, die Kenneth Anger oder Andy Warhol nicht besser hätten inszenieren können, dirigiert P-Orridge seine vier Mitstreiterinnen durch die zerklüftete Unterwelt des Acid-Rocks. Vom gregorianisch gebrummten Opener „Unclean“ über Trash-Balladen zwischen Doors und Velvet Underground mit wuchtigen Rhythmen, kaskadenartigen Gitarren und kaputter Sixities-Orgel bis zur gestreckten Version von VU’s „Foggy Notion“ als Zugabe, die in wildem Getöse endet. Das klingt nicht nach introvertiertem Spinnkram, eher nach einer überschäumenden Acid-Party im schmuddeligen Bahnhofskino – ein großes Vergnügen. Volker Lüke

FILM

Gefühle und Grenzen: „Seelenvögel“

von Thomas Riedelsheimer

Ein weißer Kindersarg auf einem großen Tisch. Drumherum ein Dutzend Jungen und Mädchen, die den Schrein mit bunten Abschiedsgrüßen an den verstorbenen Freund bemalen und die Taftauskleidung im Innern betasten dürfen: Schön weich muss es sich darin liegen. Der tote Freund ist einer der drei Helden im Film von Thomas Riedelsheimer, der sich bisher mit Künstlerporträts wie „Rivers & Tides“ und „Touch the Sound“ einen Namen gemacht hat. Auch Seelenvögel glänzt mit starken Protagonisten. Richard, Lenni und Pauline sind sechs, zehn und fünfzehn Jahre alt und kämpfen um ihr Leben gegen die Leukämie. Pauline hat eine Transplantation hinter sich und wappnet nun ihren Körper mit asiatischen Heilkünsten gegen den Krebs. Ihre von einem Sprecher vorgetragenen Tagebucheintragungen legen den roten Faden durch den Film. Lenni wartet im Isolationsbereich eines Krankenhauses auf seine Operation. Richard hat mit einer Spontanheilung einer schlechten Prognose ein Schnippchen geschlagen. Mit Charme becirct das Down-Syndrom-Kind Eltern, Ärzte, Mitpatienten und trägt den Zuschauer durch den Film.

Fast drei Jahre lang hat Riedelsheimer die Kranken und ihre Familien begleitet. Alle leben im bürgerlichen Milieu, wo die materielle Seite der Krankheit kein Thema zu sein scheint und elterliche Aufmerksamkeit kaum eingeschränkt ist. Es sind Eltern, die souverän über ihre Gefühle reden können und die Ängste mit positive thinking und Ritualisierungen abfedern. Ob das trägt, können wir nicht mehr sehen. Riedelsheimer gibt Trauer und Verlust in seinem Film nur symbolische Präsenz. Er wolle einen Film über das Leben machen, nicht über den Tod, so der Regisseur. Ästhetisch drückt sich das in Naturbildern wie den Lotosblüten aus, auf die auch Paulines Notizen immer wieder zurückkommen. Man kann das Poesie nennen. Aber wird damit das Sterben nicht schöngeredet? Das filmische Äquivalent also zur oben beschriebenen pädagogischen Inszenierung im Kinderzimmer. Im Umgang mit Sechsjährigen mag das richtig sein. Im Kino für Erwachsene hätten manche es aber doch lieber weniger weich gespült. Silvia Hallensleben

Filmkunst 66, und fsk am Oranienplatz

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