Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Frederik Hanssen

KLASSIK

Unschuldig: René Jacobs dirigiert

Mozart in der Philharmonie

Das schafft nur René Jacobs: In einer Stadt wie Berlin, die mit drei „Zauberflöten“-Inszenierungen wirklich für jeden Geschmack etwas bietet, die Philharmonie mit einer konzertanten Version der Freimaurer-Oper respektabel zu füllen. Egal, was der Spezialist für Alte Musik auch anpackt – man ist eben neugierig, wie er’s macht. Dass sich am Sonntag nun ausgerechnet diese „Zauberflöte“ gar nicht so sehr von dem unterscheidet, was man auch bei guten Stadttheater-Aufführungen hören kann, spricht nicht gegen Jacobs. Sondern dafür, wie weit er und seine Mitstreiter es in ihrem Bemühen um eine historisch informierte Aufführungspraxis inzwischen gebracht haben. Das lichte Klangbild, die flotten Tempi, der innere Puls, mit dem die Musiker der Akademie für Alte Musik die Partitur vom ersten bis zum letzten Takt beleben – so muss Mozart heute klingen. Der Rest ist private Spielerei des Dirigenten: die neckischen Rubati beim Einsatz des Glockenspiels, die akustischen Gimmicks in den Rezitativen, massiver Donnerblech-Einsatz bei den Auftritten der sternflammenden Königin, Peitschenknall und Kettengerassel für Monostatos. Ja sogar das Signal an die Technik, wenn im Weisheitstempel-Verlies Wassertropfen von der Decke fallen sollen, gibt René Jacobs höchstselbst.

Es ist ein entwaffnend naiver Blick auf die Oper, den der Dirigent hier offenbart. Akustisch funktioniert das reibungslos dank der bis in die kleinste Nebenrolle luxuriösen Besetzung (Sunhae Im als Papagena! der RIAS Kammerchor!), optisch allerdings kann man an diesem Abend lernen, warum Sänger so dringend eine helfende Regie-Hand benötigen: Die vom eigenen Spieltrieb mitgerissenen Solisten rudern mit den Armen, stechen Löcher in die Luft, trippeln, schleichen, spreizen sich – kurz, führen alle schlechten Sängerangewohnheiten vor, die ihnen normalerweise in der ersten Probenwoche ausgetrieben werden. Vor allem die drei Damen und der Mohr steigern sich derart ins Knallchargenhafte, als gelte es zu beweisen, dass die „Zauberflöte“ die erste Wiener Operette war. Wirklich authentisch wirken da nur der hinreißend lockere Daniel Schmutzhard als Papageno sowie Marlis Petersen, die ihre Pamina-Töne den Zuhörern direkt ins Herz schickt. Frederik Hanssen

POP

Mit Löwenmähne:

Bebel Gilberto im Admiralspalast

Als Tochter von Bossa-Nova-Legende João Gilberto und der Sängerin Miúcha entstammt Bebel Gilberto dem brasilianischen Pop-Hochadel. Im schütter gefüllten Admiralspalast fällt sie mit einer eigenwilligen Gesangsperformance auf, die den Hochglanzoberflächen der zwischen Bossa Nova, Cocktail Jazz und Blue Eyed Soul verorteten Songs raue Schraffuren verleiht. Absicht ist dabei nicht zu unterstellen: Dass die 43-Jährige in höheren Registern beängstigende Schräglagen offenbart, dürfte eher den Verschleißerscheinungen einer ausgedehnten Europatournee zuzuschreiben sein, deren letzte Station Berliner ist. Wenn man sich damit abfindet, dass die Perfektion ihrer Studioalben nur im Zusammenspiel der vier Begleiter aufblitzt, hat die stimmliche Gratwanderung durchaus ihren Reiz. Wie sie sich beim Stevie- Wonder-Cover „The Real Thing“ zum Gegrunze des Bariton-Saxofons an einer Art Nebelkrähen-Scatgesang versucht oder während einer heiklen Gesangspassage einen flutschigen Designer-Barhocker zu erklimmen versucht, beweist Mut zur Selbstparodie. Als sie den Bossa- Klassiker „Bim Bom“ ihres Vaters intoniert, taucht man in den Gute-Laune-Taumel ein, den brasilianische Popmusik wie keine andere auf der Welt auszulösen vermag. Nach anderthalb Stunden entknotet Bebel Gilberto ihre hochgesteckte Löwenmähne und verabschiedet sich mit der schönen Ballade „Mais Feliz“. Als Sängerin der gebremsten Ekstase findet sie doch zu sich selbst. Jörg Wunder

KLASSIK

Bisschen Glück: Zwanziger Jahre

im Philharmonischen Salon

Scherze über ausverkaufte Häuser darf sich erlauben, wer selber vor ausverkauften Häusern spielt. Hier geht es um eine Reportage aus dem Berlin von 1927, die im „Philharmonischen Salon“ zitiert wird. Und Kurator Götz Teutsch spürt, dass die musikalisch-literarische Erfolgsserie der Berliner Philharmoniker auf ein Publikum aus „Freunden“ trifft. „Irgendwo auf der Welt“ von dem vielseitig präsentierten Komponisten Werner Richard Heymann bildet diesmal das Motto zum „Flanieren durch das Berlin der Zwanziger Jahre“. Dagmar Manzel singt das Lied, sie ist in der Vortragsfolge Göre und Seele zugleich, um am Ende noch einmal ihr „kleines bisschen Glück“ zu beschwören. Da ist das Programm schon ernst und tief geworden, ein Kunstgriff entgegen üblicher Praxis, indes lustige Sachen den ersten Teil bestimmen. Texte von Tucholsky, ein Concertino von Schulhoff, eine Trauermusik von Hindemith, „Der Graben“ von Eisler stehen für die Gefühle zwischen dem Ersten Weltkrieg und der nahenden Katastrophe.

Anfangs schimmert mit Kurt Weill „Berlin im Licht“ – und staccato zählt Comedian-Rezitator Robert Gallinowski die Legion musischer und kommerzieller Sensationen in der tanzenden Stadt auf. Für Jazz und Kaffeehausmusik engagieren sich Manfred Preis (gefeierter Saxofonist), Martin Stegner (Viola), Cordelia Höfer, Uwe Hilprecht (Klavier), Helmut Nieberle (Jazzgitarre), Kotowa Machida (Violine), Esko Laine (Bass), klassische Melodien feiern Emmanuel Pahud und Gábor Tarkövi. Am Stichwort Massary entzündet sich ein Glanzlicht, Leo Falls „Joseph, ach Joseph“ als entzückend alberne Darbietung der beiden Schauspieler Manzel und Gallinowski. Durch die Mauerfallszenerie vom Potsdamer Platz kommend, kann man sich im Kammermusiksaal zurückträumen an denselben Ort vor 85 Jahren. Die Sorgen haben auch damals nicht gefehlt. Sybill Mahlke

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