Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Frederik Hanssen

CHANSON

Unsere Diva: Katharine Mehrling

in der Bar jeder Vernunft

Die „Schnuckedönschen“ sind ein Gourmetklassiker in der Bar jeder Vernunft. Ein Teller mit allerlei Leckereien vom Pumpernickel-Schnittchen bis zum Baguette-Canapé. Genauso funktioniert auch Katharine Mehrlings neues Programm: Die Alleskönnerin mit der zartherben Stimme hat für jeden Geschmack etwas parat, zelebriert französische Chansons, um die sentimentale Stimmung sofort wieder mit lässiger Selbstironie zu brechen, jazzt mit Rolf Kühn, gibt Country-Songs zum Besten, jodelt, parodiert gekonnt die unterschiedlichsten Dialekte – und der Saal hängt ihr an den Lippen, drei volle Stunden lang.

Dass ihre Eltern in der Nähe von Frankfurt eine Musik-Kneipe betrieben, wies ihr den Weg ins Showbiz. Die vielen funkelnden Facetten aber, die sie jetzt bei „Bonsoir Katharine“ im Spiegelzelt vorzeigt, hat sie sich selber auf der Ochsentour durch die deutsche Provinz eingeschliffen. „Ich kam sogar bis Bremerhaven, und hab mich nicht mal hochgeschlafen“, singt sie in einem ihrer selbst getexteten Lieder. Überhaupt zeigt die Entertainerin keinerlei Scheu, private Peinlichkeiten auszubreiten – wobei man nie genau weiß, was nun wahr und was nur um der passgenauen Pointe willen erfunden ist. Ein raffiniertes Spiel mit Sprachen, Stilen und Situationen. Dafür wird Katharine Mehrling vom beglückten Publikum mit Blumen überschüttet (nur noch vom 12. bis 15. November). Frederik Hanssen

ROCK

Unsere Ängste: 

The Horrors im Lido

Die Schockwellen von Halloween sind kaum abgeklungen, da kommt eine Band in die Stadt, die zum Gruselfest gepasst hätte wie der Deckel auf den Sarg: The Horrors machen britischen Düstersound mit dem morbiden Charme der 80er. Joy Division, Bauhaus, The Cure und The Jesus & Mary Chain sind die Paten der spindeldürren Jungs aus Southend, die sich auch mit ihren schwarzen Klamotten und Struwwelfrisuren an ihren Vorbildern orientieren. Nachdem sie vor drei Jahren ihre Debütsingle „Sheena Is A Parasite“ wie einen brennenden Benzinlappen in die Welt geschleudert haben und mit „Strange House“ ein psychotisches Garagenpunkalbum nachlegten, für das sie der NME gleich als die neuen Sex Pistols feierte, haben sie mit ihrem zweiten Album „Primary Colours“ einen erstaunlichen Richtungswechsel vollzogen. „Mirror’s Image“ oder „Sea Within A Sea“ sind fast schon grandiose Soundscapes der Übellaunigkeit und halbbetäubten Exzesse. Schaurig orgiastische Gelage mit schwankenden Keyboards, schrabbeligen Gänsehautgitarren und verhallten Schlagzeugrhythmen, die sich wie kalte Knochenhände aufs Trommelfell legen, während Sänger Faris Badwan Wortfetzen in den Äther gurgelt. Schon nach 50 Minuten ist alles vorbei, bevor sich die Burschen mit einem ekstatischen Zugabenteil zurückmelden, der mit Suicides „Ghostrider“ beginnt und mit „Sheena Is A Parasite“ in selig machendem Feedbackgetöse versinkt. Nicht gerade der allerneuste Ansatz. Aber was kann erhebender sein, als danebenzustehen, wenn Leben aus dem schwarzen Sumpf entsteht und die ersten Schritte im Reich der Zweibeiner macht. So hört sich das doch an, und so sind wir alle mal Mensch geworden. Volker Lüke

KUNST

Unsere Stadt: Historische Fotografien im Gutshaus Steglitz

Kaiser Wilhelm II. sah als Kind wie ein Mädchen aus. Trug Röckchen und Spitzenkragen. Das Beweisfoto liegt im Gutshaus Steglitz, in dem die „Geschichte eines vergessenen Weltunternehmens (1897–1921)“ aufgearbeitet wird, so der Untertitel der Ausstellung „Neue Photographische Gesellschaft Steglitz“ (Schlossstr. 48, bis 22. Nov). Mit Tochterfirmen in New York, London und Paris war die NPG die größte Bilderfabrik der Welt. 1894 von Arthur Schwarz gegründet, legte sie den Grundstein für Farbfotografie, stellte massenhaft Ansichtskarten und Stereoskopbilder her, experimentierte mit optischen Tricks. Nach dem Ersten Weltkrieg ging der Betrieb unter. Zu groß der Konkurrenzdruck, zu mager die Auslandsgeschäfte. Gut, dass Wolfgang Holtz und Wilma Gütgemann-Holtz, die Initiatoren des Forschungsprojekts, das Westberliner Gutshaus wie ein Westberliner Wohnzimmer eingerichtet haben. Postkarten, Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Zeitungsartikel, Kameras und Kleidung füllen die Räume. Sie erzeugen etwas von der staubig-romantischen Atmosphäre, die auf den alten Fotos Wirklichkeit ist. Wie gern würde man da zum Pariser Platz von 1905 reisen, die Herren mit Melone und die Damen mit Sonnenschirm begleiten, vorbei an den Kutschen und prächtigen Laternen. Annabelle Seubert

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