Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Gesang der Insekten: Gerald Finley im Kammermusiksaal

Maurice Ravels „Histoires naturelles“ sind der Schrecken jedes Liedersängers: Was nur anfangen mit den skurrilen Vogel- und Insektenporträts, in denen so gar kein großes Gefühl zum volltönenden Nacherleben zu stecken scheint? Es braucht wohl schon die ganze Erfahrung eines Weltklassesängers, um einem Publikum diese 1907 uraufgeführten – schon damals kaum verstandenen – Miniaturen nahezubringen. Gerald Finley gelingt im Kammermusiksaal das Kunststück: Mit der Liebe eines Sammlers, der sein Kabinett öffnet, präsentiert der kanadische Bassbariton jedes dieser Stücke als etwas Besonderes, Unverwechselbares. Hier wählt er einen behaglichen Tonfall für die blasierte Langeweile des Pfaus, dort zeichnet er die feinen Glieder der Grille mit haarfeiner Linie nach und wahrt dabei doch immer interessierte Distanz. Das ist große Liedkunst, die es sogar verträgt, dass Finleys Klavierbegleiter Julius Drake zwar beflissen, aber nicht auf gleicher gestalterischer Höhe agiert.

Auch wenn Ravels Naturgeschichten in Finleys Programm als Gegengift zu Schumanns hochromantischer „Dichterliebe“ ihren Platz haben, singt er beide Zyklen aus der Perspektive reflektierender Reife. Was für die „Dichterliebe“ ungewöhnlich ist: Normalerweise sind diese Lieder ja Schauplatz hitziger Liebe und niederschmetternder Enttäuschung. Nicht so bei Finley: Überraschend langsam geht er den Zyklus an und nimmt genau wahr, was da mit ihm passiert. Hier singt ein Mann, dessen voluminöse Tiefe von Standfestigkeit und Lebenserfahrung erzählen, der mit seiner Leidenschaft Stück für Stück mehr zu leben beginnt und am Ende umso erschütterter dasteht. Ergreifend „Allnächtlich im Traume“, wo Finley die Stimme fast versiegen lässt und mit kleinen rhythmischen Freiheiten erzählt, wie jemand seinen Halt verliert. Jörg Königsdorf

MUSIKTHEATER

Nase im Dreck: „Stadt der Hunde“  in der Neuköllner Oper

Elend geht es der Mopsdame, hundeelend. Gekränkt sitzt sie neben der Straßenlaterne, an die sie gebunden ist, und will einfach nicht wahrhaben, dass Herrchen Murat sie ausgesetzt hat. Stattdessen kläfft sie ihren beiden Freunden, Dobermann Nero und Schäferhund Schäfer, etwas vor. Heult und jault die Kosenamen, mit denen Murat sie umschmeichelte: „Ich bin seine Prinzessin, seine Fata Morgana!“ Dabei haben die Rüden in „Stadt der Hunde“, dem neuen Stück der Neuköllner Oper, auch nicht gut bellen. Nero, der Kämpfertyp, ist abgehauen. In Etage vier seines Wohnblocks an der Hermannstraße lief immer nur der Fernseher. Und Schäfer, das „Charlottenburger Vorzeigehündchen“, gehört eigentlich nicht nach Neukölln, es wurde vertrieben. Zu dritt erleben sie das harte Pflaster ihres Kiezes: das Sich-Behaupten-Müssen, das Nicht-Geliebt-Werden, das Auf-Sich-Gestellt-Sein („So wie mir keiner hilft, so helfe auch ich keinem“). Und beschnüffeln Müll, Asia-Imbiss und Currywurst. Menschen wissen gar nicht, was für ein Paradies Neukölln ist, findet das ungleiche Trio. Ihnen fehle die gute Nase dafür. Aber, zuckt Nero die Schultern, „der Mensch ist eben auch nur ein halber Hund“. Eine amüsante Oper für Jugendliche, die alle Teenie-Dramen spielend umreißt: Erste Liebe, Konkurrenzdruck, Identitätskrise und Neuköllner Alltag. „Stadt der Hunde“ glänzt mit passionierten Darstellern, sozialkritischen Metaphern und, dank der jungen Komponistin Sinem Altan, mit flotten Klaviertönen und tierischen Hymnen. Wau. Annabelle Seubert

0 Kommentare

Neuester Kommentar