Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Eruptiv intensiv: Pietari Inkinen in der Philharmonie

Das finnische Dirigentenwunder geht weiter: Zum zweiten Mal am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, besticht der kaum 30-jährige Pietari Inkinen erneut durch Brillanz und Klangsensibilität. Griegs „Peer Gynt“-Suite lenkt er quasi aus dem Augenwinkel, entlockt dem ihm völlig ergebenen Orchester samtig-saftigen Streicherklang, rhythmische Eleganz und blitzendes Temperament. Inkinens Intensität ruft bei Schostakowitschs Fünfter Begeisterung hervor; wann klangen die energischen Unisono- Rhythmen des Anfangs so gemeißelt, verdämmerte das Largo nach atemverschlagendem Aufbegehren in solch todtraurigen Piano-Nuancen? Und wenn die Finalkonflikte so heftig sind wie hier, ist auch klar, dass der Durchbruch zum C-Dur- Licht nur gewaltsam sein kann, verzweifelter Kampf ums Überleben.

In der Rolle des Begleiters tut sich der junge Pultstar schwerer, findet in Sibelius’ Violinkonzert mit seinem exzellenten Solisten Julian Rachlin zunächst nicht die rechte Balance. Wie sich Rachlin mit zart-eindringlichem Ton gegen das oft recht massive Orchester durchsetzt, fasziniert da umso mehr. Im feurigen Finale können dann endlich alle Beteiligten wie befreit aufspielen und die dämonischen Funken stieben lassen – zur allgemeinen Begeisterung. Isabel Herzfeld

THEATER

Sieben Schlösser: Edgar Wallace im Puppentheater am Winterfeldtplatz

Drei Tage, drei Schlüssel, drei Morde. Vom Täter keine Spur. Inspektor Richard Martin nimmt es gelassen und hält ein Nickerchen im Büro. Erst als eine „24-jährige, blonde, blauäugige Sybil Lansdown“ angekündigt wird, weckt der Fall Martins Interesse. Dass Sybil nur einen Meter misst, stört ihn nicht. Das ist schließlich die Idealgröße im Puppentheater am Winterfeldtplatz. In Edgar Wallace’ „Die Tür mit den 7 Schlössern“ klären kleine Figuren großes Mysteriöses auf. Warum hat Lord Selford vor seinem Tod sieben Schlüssel verteilt? Wieso verstricken sich die Nachmieter seines Schlosses in Ungereimtheiten? Woher weiß sein ehemaliger Anwalt so viel über die Opfer? Und vor allem: Wie gefährlich lebt Sybil, womöglich Alleinerbin Lord Selfords?

Ein simples Bühnenbild, karierte Puppenkleidung und Altherrencharme machen das neue Stück von „Hans Wurst Nachfahren“ very british. Der Galgenhumor, wenn Inspektor Martin auf Anwalt Haveloc trifft: „Es gibt einen Mord.“ – „Schrecklich. Ich war’s nicht.“ Die Distanz, mit der sich Martin und Sybil in einer Bar begegnen: „Sybil, was machen Sie denn in einem solchen Etablissement?“ Der Fünf-Uhr- Tee, die Heroisierung Scotland Yards, die Regencapes: Regisseur Siegfried Heinzmann und die schwarz vermummten Spieler, die ihre Puppen vor sich herschieben, zaubern ein Stück voller London-Klischees auf die Bühne. Ganz im Sinne von Edgar Wallace. Und darum gelungen (wieder am 20., 21., 27. und 28. November, 20 Uhr). Annabelle Seubert

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