Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Frederik Hanssen

REVUE

Flockig: „Die Schneekönigin“

im Friedrichstadtpalast

Im Friedrichstadtpalast werden die jungen Besucher nicht mit Kinderportionen abgespeist. Die alljährliche Revue des „Jungen Ensembles“ brennt das Überwältigungs-Feuerwerk knalliger Bühneneffekte ebenso professionell ab, wie man das hier von den Abends-Shows gewohnt ist. Diesmal geht es um die „Schneekönigin“: Monika Radl bemüht sich in ihrer Neufassung des Märchens nach Kräften darum, die Story für heutige Halbwüchsige zurechtzubiegen. 

Heraus kommt ein Jugend-Musical mit rockigen Songs von Arnold Fritzsch, das kein Klischee auslässt. Da wird auf die Kapitalismuskritik-Tube gedrückt, da kämpfen Straßenkinder in Neonklamotten gegen graue Herren, da bekommt es Leyla auf der Suche nach ihrem Freund Kay mit schnoddrigen Fischen, esoterischen Japanerinnen und einer ballermannhaften Partyprinzessin zu tun. Weil der ganze Budenzauber aber allein dazu dient, um den jungen Show-Pionieren zu möglichst vielen Auftritten in knallbunten Kostümen zu verhelfen, lässt man gerne jede Nörgelei fahren und sich einfach mitreißen von der Spielwut des Nachwuchses. Denn der ist echt spitze, vom kleinsten Moosröschen bis zu den entfesselt abtanzenden Ghettokids (bis 31. Januar).Frederik Hanssen

HIPHOP

Kugelblitz: Dizzee Rascal

im Astra

Mit dem Niedergang des HipHop als solchem ist auch das HipHop-Konzert weitgehend von der Bildfläche verschwunden. An sich kein Verlust, waren doch selbst Auftritte berühmter Künstler häufig ernüchternd: goldkettenbehängte Typen, die sich zur Musikkonserve eines DJs gegenseitig ins Wort fallen und mit den Armen rumfuchteln. Wie man aus dieser limitierten Versuchsanordnung noch Funken schlagen kann, beweist Dizzee Rascal im gut besuchten Astra. Er und sein Adlatus Smurfie Syco werfen sich in atemloser Call-and-Response- Technik die Reime an den Kopf, verknoten Arme und Beine und animieren das Publikum zu Mitgröhl-Wettbewerben. Soweit business as usual.

Was die Performance des 24-jährigen Briten zu etwas Besonderem macht, ist die schiere Kugelblitz-Energie, mit der er über die Bühne fegt. Und natürlich die Musik, die von DJ Semtex kundig zusammengemischt wird: Rascal, der aus prekären Londoner East-End-Verhältnissen stammt und mit 17 Jahren ein bahnbrechendes Debütalbum veröffentlichte, schert sich einen Dreck um die Reinheitsgebote des Genres. Sein mit exotischen Elementen aus Raggamuffin, Kwaito oder Calypso angereichertes HipHop- Techno-Gemisch ist instabil, aber hochinfektiös. Sein diesjähriger Sommerhit „Bonkers“ ist ein Clubmonster mit Synthiebässen von wändeeinreißender Wucht. Mit ihm quetscht Dizzee Rascal am Ende der 70-minütigen Tanzschaffe die letzten Schweißtropfen aus einer mit Gummibeinen hüpfenden Menge. Mission erfüllt. Jörg Wunder

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben