Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Carsten Niemann

KLASSIK

An Lincolns Sarg: Paul Hindemiths „Fliederrequiem“ in der Philharmonie

Wahrlich keine leichte Aufgabe, Walt Whitmans Gedicht „When lilacs last in the door-yard bloom’d“ zu vertonen: Denn wie Whitman in hymnischem Duktus die Überführung des mit Fliederblüten überdeckten Sarges von Abraham Lincoln schildert und wie er dies mit Erinnerungen an die Toten des Bürgerkriegs sowie mit privaten, homoerotisch angehauchten Trauerassoziationen vermengt, das ist bereits selbst Musik.

Paul Hindemith hat sich in seinem 1946 uraufgeführten „Fliederrequiem“ dennoch der Herausforderung einer Vertonung gestellt. Es ist ein mächtiges Opus geworden, in dem Hindemith sich die starke Vorlage mit einer seltsamen Mischung aus Eingebung und harter kompositorischer Knochenarbeit untertan zu machen sucht. Auch wenn der Komponist dabei wiederholt mit dem Schwung von Whitmans rhetorischen Figuren in Konflikt gerät und bei der Bewältigung der Bilderfülle zwischen grandiosen Filmsequenzen und naiver Tonmalerei schwankt, trägt das Werk dennoch das Potenzial zu einem großen Konzertabend in sich.

Dass man diesen Eindruck gewinnt, das ist dem engagierten und plastischen Dirigat von Jörg-Peter Weigle zu verdanken, der das selten gespielte Stück mit dem Philharmonischen Chor Berlin, dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt sowie den Solisten Ingeborg Danz und Roman Trekel in der schwach besuchten Philharmonie zur Diskussion stellt. Dass es trotzdem kein großer Abend wird, liegt daran, dass die Interpreten nur dort mit dem Text warm werden, wo Whitman private Gefühle schildert. An den pathetischen Schlüsselstellen des Werks scheitert die Aufführung: am eklatantesten in dem routinierten Streicherzwischenspiel, das die vollmundigen Worte „das heilige Wissen vom Tod offenbarte sich mir“ illustrieren soll. Aber wer will sich solch einer Offenbarung schon rühmen? Carsten Niemann

KUNST

Staubfänger: Dane Mitchells

„Minor Optics“ in der DAAD-Galerie

Die Konzeptkunst lacht zuletzt: Im September brachte Dane Mitchell bei einem Wettbewerb die Künstler seiner Heimat Neuseeland gegen sich auf. Seine Siegerarbeit bestand aus dem Verpackungsmüll der anderen Einsendungen. Gemein, doch wer hat gesagt, dass Kunst fair ist? Der 33-jährige DAAD-Stipendiat forscht an den Grenzen nicht nur von Kunstwerken, sondern von Objekten überhaupt. Sein Staubarchiv versammelt Proben aus berühmten Museen. Schon Marcel Duchamps nannte sich mal einen Staubzüchter, die Ablagerungen in seinem Atelier wurden auf Man Rays Foto „Dust Breeding“ selbst zum Artefakt. Auch Mitchells Ausstellung „Minor Optics“ in der DAAD-Galerie holt das Ephemere ins Zentrum (Zimmerstr. 90/91, Mo-Sa 11-18 Uhr, bis 28. 11.).

An der Wand flattert eine schwarz lackierte Aluminiumscheibe im Puls eines Wechselstromerzeugers und zieht Staub an. Zwei große Pendants stehen monolithisch im Raum, auch sie elektrostatisch geladen. Viel bleibt nicht hängen. Entweder sind die Geräte als heimtaugliche Staubfänger noch nicht serienreif oder die Galerie verfügt über vorbildlich geringes Staubaufkommen. Auch Staub lacht zuletzt. Dem Allgegenwärtigen stellt Mitchell das Flüchtige zur Seite: Fünf fragile Flacons bergen einen Duft, gemischt aus offenem Raum, elektrisch geladener Luft und leerem Ausstellungsraum. Parfumeur Michel Roudnitska wird ihn am 28. 11. um 19 Uhr feierlich entlassen. Als gewitzter Parasit lenkt Dane Mitchell die Sinne auf das, was Ausstellungen sonst ausblenden und reduziert den Möglichkeitsraum White Cube auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Kolja Reichert

KUNST

Nachbarn auf den zweiten Blick: Ausstellung im Haus am Lützowplatz

Die Perlenkette neben der Gartenschere, die ägyptischen Götter neben den Schrauben: Bei Lilly Grote findet Paradoxes Gemeinsames. Die Berliner Künstlerin setzt Gegenstände in Holzkisten, nennt sie „Lichtboxen“ und schon erzählen ihre Objekte Geschichten. In der Ausstellung „Nachbarschaften. In Berlin (West), West-Berlin, Westberlin“ im Haus am Lützowplatz funktioniert das nicht immer. Hier hängen die Gemälde, Installationen und Fotografien fünfzehn weiterer Künstler etwas verloren nebeneinander, bleiben stumme Einzelstücke (Lützowplatz 9, Di - So 11 - 18 Uhr, bis 20. 12.). Dabei lässt das Stichwort „Nachbarschaften“ doch Vertrautheit und Einklang vermuten. Vor allem, weil die 16 Künstler, denen die Werkschau gewidmet ist, in den Siebzigern und Achtzigern in derselben Szene im Westen Berlins verkehrten, dieselben Vernissagen besuchten, womöglich am selben Sekt nippten.

Natürlich reizt der Individualismus, der eigene Stil. Suse Wiegand etwa, mit ihrem Beitrag zum Eisernen Vorhang, genannt „Vorwand Berlin (West)“: Gestapelte Kalksteine, zwischen die ein Stück Stoff gelegt ist. Der weiche, verharmloste West-Blick auf die Mauer? Oder Elvira Bach, die ihr wildes Leben in Form von Martinigläsern und nackten Frauen auf ihrer Leinwand andeutet. Natürlich entwickelt sich daraus auch ein Bild über Liberalität, Lebensstil, Kommunen, Kunst und Rotwein. Trotzdem wünscht man sich eine Werkschau, die diese Nähe gleich offenlegt. Die Netzwerke zwischen den Personen spinnt, beantwortet, wer wo wie mit wem befreundet war. Aber vielleicht ist das einfach so mit Nachbarn. Man denkt, man kennt sich, aber man kennt sich kaum. Annabelle Seubert

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