Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Annabelle Seubert

THEATER

Laufende Bilder: Volker Gerling stellt im Eigenreich sein Daumenkino vor

Volker Gerling kann den Fernsehturm verschwinden lassen. Einen Winter lang lehnte er aus dem Küchenfenster, fotografierte das von dort sichtbare Berliner Wahrzeichen und bündelte die Schwarzweißaufnahmen zu einem Daumenkino. Flippt man durch die Blättchen, umhüllen Nebel und Wolken den Turm manchmal so stark, dass er unsichtbar wird. Gerling ist Daumenkinograph. Mit einem Bauchladen, auf den er sechs seiner Kunstwerke platziert, läuft der 40-jährige Berliner durch die Welt. Das letzte Mal von der Hauptstadt nach Köln. Immer zu Fuß, ohne Proviant, ohne Geld. Wenn der studierte Kameramann zurückkehrt, lässt er seine Bilder live auf eine Leinwand „laufen“. Dabei erzählt er seinem Publikum von den Orten und Menschen, die ihm begegneten (bis 22.11. im Theater Eigenreich, Greifswalder Str. 212/213, 20 Uhr 30). Etwa dem alten Mann mit der Baseballmütze, der sich so sehr freute, einen Daumenkinographen kennenzulernen, dass er Gerling Schnaps und 250 Gramm Butter für die Reise anbot. Doch Gerlings Anekdoten sind bloßes Beiwerk. Der Fotograf hält die Schönheit der Spontaneität, Vergänglichkeit und Stille fest. Wenn der alte Mann plötzlich die Baseballmütze abnimmt und sich Lachfalten in seinem Gesicht zeigen. „Die Porträtierten wissen nicht, dass ich sie 36 Mal in zwölf Sekunden ablichte“, sagt der Fotograf, „darum sind die Bilder so wahr.“ Poetisch außerdem, weil der Betrachter die Lücke zwischen den Bildern ausfüllt. Auch das, was er nicht sieht, so schön findet.Annabelle Seubert

KLASSIK

Neuerscheinung: Thielemanns Bayreuther „Ring“ bei Opus Arte

Christian Thielemanns Name steht auf der „Ring“-Aufnahme, die eben beim Naxos Vertriebslabel Opus Arte erschienen ist, gerade so, als ob er, nicht Richard Wagner, Schöpfer der Opern-Tetralogie sei. Allerdings hat sich Thielemann im Sommer 2008, als im Bayreuther Festspielhaus aufgenommen wurde, als Dirigent quasi mitschaffend beteiligt. Zweitens ist bei der Präsentation des 14- CD-Pakets im Kulturkaufhaus Dussmann immerhin Katharina Wagner zugegen, Urenkelin Richards und neben ihrer Halbschwester Eva neue Leiterin der Bayreuther Festspiele. „Intendant“ oder „Regisseur“ nennt sie sich selbst. Und erklärt, dass Thielemann plötzlich in ihrem Büro gestanden habe: „Ich will das unbedingt auf CD haben.“ Man habe dann nicht auf die Live-Mitschnitte des Bayrischen Rundfunks zugegriffen, sondern selbst mikrofoniert. Thielemann definiere den Wagner-Klang auf einzigartige Weise, und: „Der Mann macht Übergänge, das ist traumhaft.“ Fix fliegen die Fragen und Antworten. Wird Thielemanns „Ring“ in Baden-Baden ein Konkurrenzprodukt für den Grünen Hügel bedeuten? Schon wegen der einzigartigen Akustik des Bayreuther Hauses nicht. Wer inszeniert den Ring im Wagner-Jahr 2013? Es gebe noch keine Zusagen; anfangs wollte Vater Wolfgang der Tochter „den Ring aufs Auge drücken“, das aber, sagt Katharina Wagner, wäre „völlig unseriös“. Im ersten Jahr der Festspielleitung habe sie sich öfter „mehr Kunst, weniger Papier“ gewünscht. Schon ist die Zeit um, ganz ohne Hörproben: Wagner signiert, ab und an ist auch die Neuaufnahme dabei. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Papierarmee: Omar Ibrahim und das Ensemble Oriol im Kammermusiksaal

Eigentlich seien seine Lieder gar nicht zum Singen gedacht, schrieb Charles Ives über seine „114 Songs”. Der Komponist, stets zu hintergründiger Ironie aufgelegt, wünschte ihnen vielmehr ein stillvergnügtes Dasein “auf dem Papier”. Umso interessanter, Ives’ umfangreichem Liedschaffen einmal in geballter Form zu begegnen: Nicht weniger als fünfzehn Gesänge bringt Omar Ibrahim im Kammermusiksaal zur Aufführung. Der britische Bariton trifft den Ton gebrochener Poesie dieser verfremdungsreichen Collagen ganz genau. Sie entstehen quasi aus musikalischen Kindheitserinnerungen an die grell aufspielende Zirkus- Band, schlichten Gospelgesang oder an die Militärkapellen, die Vater Ives aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander losmarschieren ließ. Und wie die Musik von einem Element ins andere kippen oder am besten alles auf einmal herbeizitieren kann, so kommt auch in den Texten (meist von Ives selbst) mancherlei „Unpassendes” zusammen – etwa wenn Heilsarmee-General Booth mit seiner Armee von Bettlern und Drogensüchtigen den Himmel aufmischt. Die begleitenden Mitglieder vom Ensemble Oriol dürfen da schon mal ein „Hallelujah” mitpfeifen. Leiter Sebastian Gottschick hat die Lieder gemäß Ives Orchesterwerken (in denen vieles zitiert wird) instrumentiert. Ihre Komplexität wird dadurch verstärkt, und oft stellt sich ein Alban-Berg-Ton unterschwelliger Bedrohung ein. Isabel Herzfeld

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