Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Frederik HanssenD

KLASSIK

Unter Vettern:

Der RIAS-Kammerchor singt Bach

Johann Sebastian Bach konnte seinen Cousin Johann Ludwig gut leiden: Mehrfach ließ der Thomaskantor in Leipzig Werke des Verwandten aufführen, der am Meininger Hof als Kapellmeister wirkte. Dabei fühlten sich die beiden Komponisten unterschiedlichen ästhetischen Schulen zugehörig: Sieht man bei dem aus der norddeutschen Tradition kommenden Johann Sebastian die klaren Formen der Backsteingotik vor dem inneren Auge, erinnert Johann Ludwigs am italienischen Geschmack geschulte Musik eher an die bis ins Groteske gesteigerte Theatralität des Hochbarock.

Im bestens besuchten Kammermusiksaal arbeitet Hans-Christoph Rademann die stilistischen Unterschiede mit seinem RIAS-Kammerchor aufs Ohrenfälligste heraus: Ganz aus der inneren Ruhe entfaltet die Motette „Jesu, meine Freude“ BWV 227 ihre Kraft, ein Prototyp kontrapunktischer Tonsetzerkunst. In der „Trauermusik auf Herzog Ernst Ludwig von Sachsen-Meiningen“ dagegen reizt Rademann die rhetorischen Effekten maximal aus, stellt die klangfarblichen Extravaganzen, das Opernhafte in den Vordergrund – und findet in seinen wunderbar wandlungsfähigen Chorsängern, der Akademie für Alte Musik sowie den exzellenten Solisten Anna Prohaska, Wiebke Lehmkuhl, Maximilian Schmitt und Andreas Wolf engagierte Mitstreiter. Wie Johann Ludwig die Textzeile „Meine Bande sind zerrissen“ im Kontrast von lang gezogenen Dissonanzen und rhythmischen Eruptionen darstellt, wie er die Sopranistin in einer Arie immer wieder „ach ja“ seufzen lässt, das verfehlt seine Wirkung auf die Zuhörer nicht.Frederik Hanssen

POP

Neuerscheinung: The Unthanks’ „Here’s the Tender coming“

Der Vater ist Sänger einer radaufreudigen, nordenglischen Shanty-Kapelle namens The Keelers. Und wie jeder Vater wünschte er sich, dass seine beiden Töchter es einmal besser haben würden als er, der altenglische Lieder liebt und auf Folkfestivals in Warwick, Upton-on-Severn oder Richmond nach Kräften vom Kielholen und Segelsetzen singt. Dass Rachel und Becky Unthank es auch sehr viel besser machen würden, dürfte dem Mann geschwant haben, als seine beiden Mädchen mit Kritikerlob für erste Auftritte und die Alben „Cruel Sister“ und „The Bairns“ nur so überschüttet wurden. Seither gelten die Unthanks als Erneuerer eines Genres, von dem aller Glanz gefallen war. Sie verkörpern den Generationensprung, der die von alten Jungfern gesungenen und in Pubs zirkulierenden Volkslieder des Northern Folk in die Gegenwart holt. Aus den lehensherrschaftlichen Dramen um Frauen, die sich lieber in den Tod stürzen als an den falschen Mann zu geraten, arbeiten The Unthanks auf „Here’s the Tender coming“ den Seelenschmerz, die Todessehnsucht und mit Hingabe an die Schönheit der Schilderung auch das Berichtenwollen heraus.

The Unthanks blasen den Staub aus alten Liederbüchern, wobei die Songs beinahe kammermusikalisch arrangiert und geschmackvoll um Streicher, Harfen und Bläser ergänzt sind. Das ist Musik für den Konzertsaal statt für die Hafenbar, obwohl nicht nur der Titelsong, der von den Presskommandos der Royal Navy erzählt, nirgendwo anders als eben dort entstanden sein kann. All den gebrochenen Herzen und der Gewalt hätten die Unthank-Schwestern allerdings durchaus unversöhnlicher begegnen können. Dass in Traditionals wie „Because He Was A Bonny Lad“ oder dem Bericht eines Zeugen vor der Kommission gegen Kinderarbeit („The Testemony of Patience Kershaw“) die Unterwürfigkeit als historisches Erbe eingeschrieben ist, erfordert mehr als Modernisierung. Kai Müller

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