Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Christoph Funke

THEATER

Flüstern und Schreien: „Minna von Barnhelm“ im bat-Studiotheater

Wenn nur das verfluchte Geld nicht wäre – Taler, Dukaten, Louisdor, was auch immer. Fortwährend muss geborgt, zurückgezahlt, verkauft werden. Lessing hat in seinem Lustspiel „Minna von Barnhelm“ eine Gruppe nach dem Siebenjährigen Krieg Gestrandeter in einen Käfig materieller Abhängigkeiten gepfercht und viel Mühe darauf verwendet, sie mit verblüffenden Tricks wieder daraus zu befreien. Das sächsische Edelfräulein Minna kriegt am Ende ihren preußischen Major Tellheim, die Kammerjungfer Franziska ihren martialischen Wachtmeister.

Rudolf Koloc lässt in seiner Inszenierung im bat-Studiotheater (Belforter Str. 15) ein Häuflein Heimatloser zurück, auf Wildheit und Lebenshunger fällt ein bedrohlicher Schatten. Der Regisseur nutzt die Jugend seiner Darsteller (3. Studienjahr Schauspiel der Ernst-Busch-Hochschule), um das Sinnliche anzugehen, lässt sein Ensemble toben, schreien, balgen und auch wieder ganz still und verzweifelt sein. Zigarillos und Zigaretten werden gepafft, und immer ist da Leidenschaft, Zorn – und Verlorenheit. Die Bühne, fast nackt, mit einer drehbaren Wand aus spiegelndem, sozusagen kriegsbedingt schadhaftem Kunststoff (Okarina Peter, Timo Dentler) und sparsamster Möblierung, zeigt einen Zustand des Unbehaustseins an.

Die jungen Darsteller treiben ihre Figuren in Extreme. Jonas Anders (Tellheim) und Martin Aselmann (Just) sind die abgerissenen Krieger, mit stoischer Starre, mit kollerndem Zorn. Anna-Maria Hirsch stellt ihre kostbar gewandete Minna wie ein Nippes-Figürchen in die Verwahrlosung des Wirtshauses, Juliane Lang macht die Franziska zur Spielmeisterin des Geschehens – klug, anfeuernd, auch zu Tode erschrocken. Es liegt mehr als nur ein Hauch Spott über dem Geschehen, Lessings Helden kommen von der Straße und werden sich dort auch zu bewähren haben (Weitere Aufführungen am 22., 27. und 29. November, 20 Uhr).

Christoph Funke

KLASSIK

Geschwind, geschwind: Rudolf Buchbinder im Kammermusiksaal

Der Mann hat es eilig. Geht hurtig zum Flügel, nimmt Haydns letzte Klaviersonate Es-Dur bis zum wieselflink gedribbelten Presto in Angriff, gestattet sich recht viel Pedal, aber nur wenige Rubati und schon gar keine Mätzchen. Rudolf Buchbinders Klavierspiel hat bei aller Kantabilität etwas Abgeklärtes. Vielleicht macht er ja Tempo, um den Verschleißerscheinungen des Repertoires zu trotzen, auch bei Schuberts Impromptu-Sonate D 935, bei Beethovens „Appassionata“ und erst recht im Schlusssatz der „Pathétique“ als erster Zugabe. Buchbinder weiß, was Verschleiß ist: Er hat den ganzen Beethoven auf Platte und in über 40 Städten (ein-)gespielt, außerdem sämtliche Klavierwerke von Haydn; sein Buch heißt „Da Capo“.

Die Wiederholung des Immergleichen ist auch ein heimliches Thema des Abends im Kammermusiksaal: In allen Werken häufen sich die Tonrepetitionen. Schon Haydn lässt der 62-Jährige farbenreich flimmern, Schubert interpretiert er mit flatternden Fingern, um die Haltepunkte wie etwa den innigen Schluss des As-Dur-Impromptus umso schlichter zu setzen. Die „Appassionata“ schließlich enthebt er jeglicher Erdenschwere.

Kein Ringen mit dem Schicksal, Überstehen ist alles. Klassiker spielen als écriture automatique. Man driftet selber weg bei so viel Ebenmaß und perlendem Klangredefluss, in den Buchbinder winzige Widerstände einbaut, fein ziselierte Verzögerungen, minimale Verschmitztheiten. Die zweite Zugabe, Paraphrase auf einen Strauß-Walzer, fegt auch das hinweg. Ein Wirbelwind, ein Schleudertraum. Das hilft gegen November-Melancholie. Christiane Peitz

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