Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Roman Rhode

BOSSA NOVA

Funken sprühen: Gilberto Gil

im Haus der Kulturen der Welt

Noch immer sorgt der 67-jährige brasilianische Sänger und Gitarrist, Ex-Tropicalista und bodenständige Eklektiker für Überraschungen. Im letzten Jahr gab er sein Amt als Kulturminister auf, seitdem widmet er sich wieder ganz der Musik. „The String Concert“ heißt sein neues akustisches Projekt, das er im vollbesetzten Haus der Kulturen präsentiert. Gilberto Gil lässt sich von seinem Sohn Bem auf der Gitarre sowie dem Cello-Virtuosen Jaques Morelenbaum begleiten und hält Rückschau auf sein vier Dekaden umspannendes Werk. Das gewinnt in dieser minimalistischen Besetzung noch an Intensität, indem das Trio den glühenden Kern der Sambas, Lieder, Balladen und Forrós freilegt. Gil jauchzt, raunt und jubiliert mit kehligem, leicht verstimmtem Gesang in der Tradition des „Desafinado“, dazu lässt er helle Funken von den Saiten springen, während der Sohn den Rhythmus vorantreibt und das Cello als wendiges Gravitationsfeld wirkt.

Im „Lamento sertanejo“ erweist sich Morelenbaum als erdenschwerer Harmonienmeister, dann verwandelt er sein Instrument in eine helle Fidel aus dem Nordosten Brasiliens. Aus dieser Region stammt Gil, der gerne seine afrikanischen Wurzeln beschwört. „Africa!“ ruft er immer wieder in die Zuschauerreihen, Gils lange Dreadlocks tanzen, die beiden Gitarren klirren wie im kongolesischen Soukous und zwischen den Musikern und dem rasenden Publikum entwickeln sich am Schluss zündende Call-and-response-Gesänge. Mehr kann man sich nicht wünschen. Roman Rhode

KLASSIK

Worte verzaubern: Robert Schumanns Oratorium „Peri“ im Konzerthaus

„Was soll das alles,“ so schimpft Gerd Belkius, Chorbass und Programmheftautor des Berliner Konzert Chors, angesichts vielfältiger Kitsch-Vorwürfe gegenüber Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“. Wissen die Kritiker und selbst ernannten Fachleute nicht, wie man ein Märchen genießt? Gut geschimpft! Tatsächlich ist „Märchen“ das entscheidende Wort, wenn man die Geschichte von der nach Erlösung suchenden persischen Fee richtig verstehen will. Im Konzerthaus gibt es an diesem Abend allerdings nur einen, der die Aura eines echten Märchenerzählers besitzt: den Bass Jörg Gottschick.

Mit Blickkontakt zum Publikum gibt er jedem Wort den Zauber des Geheimnisses zurück. Und nicht nur das: Das Bild vom Sünder, der beim Anblick eines in einer Ideallandschaft schlummernden, wehrlosen Kindes in reuige Tränen ausbricht – er malt es nicht mit naiver Hingabe, sondern mit dem überlegten Gestaltungswillen eines Caspar David Friedrich. Gemessen daran, dass selbst Simon Rattle und Ingo Metzmacher ihre Schwierigkeiten mit dem Stück gehabt haben, erfreut Jan Olbergs Dirigat durch solide Überzeugungskraft – auch wenn ihn das Konzerthausorchester noch etwas großzügiger unterstützen könnte und die Chorsoprane in ihrem etwas treuherzigen Bemühen um Textverständlichkeit nicht immer wie Engel klingen. Die Mezzosopranistin Manuela Bress ist mit ihrer Wagner-Stimme trotzdem keine Idealbesetzung. Schumanns Märchen von der Begegnung mit dem inneren Kind verlangt einfach nach einem kontrollierteren Piano.Carsten Niemann

KLASSIK

Sorgfalt waltet: Johannes Brahms’ „Requiem“ in der Philharmonie

Kein unproblematisches Werk, das das Rundfunksinfonieorchester mit dem Rundfunkchor Berlin unter Marek Janowski in der Philharmonie aufführt. Die deutschen Verse von Brahms’ „Requiem“ schmiegen sich der Musik nicht immer an; Stellen wie das „Herr, du bist würdig“ bekommen noch in der besten Interpretation etwas bar Auftrumpfendes, weil sich die frei fließende Sprache nicht in ein metrisches Korsett pressen lässt. Vielleicht scheint hier aber auch Brahms’ Distanz zu Fragen des Glaubens auf. Denn auch die „ewige Freude“, die den „Erlösten des Herrn“ verheißen ist, schlägt um in ein tumbes Taumeln, das Psalmwort „die loben dich immerdar“ in lärmiges Insistieren, und aus der Frage „wess’ soll ich mich trösten?“ klingt Trotz.

Grandios geraten andererseits Passagen wie „Der Tod ist verschlungen in den Sieg“ oder das antikisch mahnende „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. Zwar ist das RSB groß besetzt, prononciert Detlef Roth (Bass, aber ein sehr heller) stark, zeichnet Camilla Tilling (Sopran) silbrige Melodiebögen, doch steht im Zentrum des Abends der von Simon Halsey ausgezeichnet einstudierte Chor. Janowski lässt ihm seine Selbstsicherheit und fasst das Stück bedächtig an, manchmal fast zu langsam, im Ganzen aber mit großer Sorgfalt. Selbst beim Marsch des zweiten Satzes lässt er sein Orchester nicht farbstark dräuen, selbst auf die Einladung zur Gefühlsseligkeit, die Eingangs- und Finalsatz aussprechen, reagiert er allein mit feinen Pianissimi. Christiane Tewinkel

GRAFIK

Schweine jammern: Ost-West- Karikaturen im Märkischen Museum

Stacheldraht verbindet? Das Grafikdesign auf den Infotafeln im Märkischen Museum legt diesen Schluss nahe. Und zumindest stilistisch haben die beiden Karikaturisten dieser Kabinettausstellung ja tatsächlich einiges gemeinsam: „Karikaturen des Kalten Krieges – Oskar vs. Erich Schmitt“. Ansonsten trennte die Zeichner mehr als nur eine Mauer, wie die Ergänzungsschau der „Fallmauerfall“-Präsentation im Ephraim-Palais belegt (Am Köllnischen Park 5, bis 7. 2., Di - So 10 - 18, Mi 12 - 20 Uhr).

Der grimmige Wolf kratzt am Türchen der sieben Geißlein: So karikierte Hans Bierbrauer (1922 - 2006), genannt „Oskar“, Ende der fünfziger Jahre die Versuche der SED, Einfluss in Westberlin zu gewinnen. Vor allem als Zeichner für die „Berliner Morgenpost“ nahm er Geschehnisse an und hinter der Mauer aufs Korn. In seinen insgesamt rund 12 000 politischen Karikaturen brachte Oskar das „Insulaner“-Selbstbewusstsein auf den Punkt. Auf der anderen Seite der politischen Skala stand Erich Schmitt (1924 - 1984), der von 1948 bis 1980 für die „Berliner Zeitung“ zeichnete. Seine Karikaturen übten Kritik am kapitalistischen System und rechtfertigten den „Antifaschistischen Schutzwall“. Wenige Wochen nach dem Mauerbau zeichnete Schmitt zwei jammernde Schweine, die sinnbildhaft für westliches Profitstreben stehen. Die DDR hatte mit der Mauer den Zustrom von Arbeitskräften nach Westen abgeschnitten. Historisch interessant. Doch warum Bierbrauers und Schmitts Zeichnungen zu ungleichen „Ost-West-Paaren“ zueinandergezwungen sind, bleibt unklar. Jens Hinrichsen

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