Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

POP

Raum für Irrsinn:

Portugal. The Man im Lido

Was für ein Einstieg: Zehn Minuten lang reiben im Opener „And I“ die Klangmassen wie tektonische Platten gegeneinander. Schrundige Hardrockakkorde prallen auf mehrstimmigen Soulgesang, der sich zu hymnischem Flowerpowergezirpe emporschwingt und von labyrinthischen Progrockpassagen gebrochen wird. Die vier Jungs von Portugal. The Man aus Portland staunen über die Resonanz ihres Auftritts. Das Lido ist ausverkauft. Es spricht sich rum, wenn eine Band mit derartiger Intensität zu Werke geht. John Gourley windet sich wie eine Kobra um das Mikro und feuert simultan atemberaubende Gitarrensoli ab. Keyboarder Ryan Neighbors, ein Sunnyboy mit Art-Garfunkel-Matte, sekundiert ihm bei schwindelerregenden Falsettgesängen. Und während Zachary Carothers mit seiner Starkstromperformance alle Klischees vom coolen Bassisten ad absurdum führt, erdet der stoische Drummer Jason Sechrist den durchgeknallten Haufen.

Genug Raum für Irrsinn bleibt sowieso: Wenn ein an „Hotel California“ erinnernder Gitarrenchorus im Gravitationsloch verschwindet oder David Bowies liebevoll nachgestelltes „Moonage Daydream“ in einen Geschwindigkeitsrausch taumelt, transzendiert der eklektische, auf die frühen Siebziger rekurrierende Soulrock zum unerhörten Stilabenteuer. Dabei schaffen es Portugal. The Man, die disparaten Elemente zu betörenden Ohrwürmern zu verdichten. Stücke wie „1989“ oder „My Mind“ hätten auch vor 35 Jahren für Furore gesorgt. Gut 80 Minuten lang brennt im Lido die Luft, ehe der Abend im Jubel ausklingt. Fantastische Band! Jörg Wunder

FILM

„Another Glorious Day“: ein Film über das Living Theatre

Ein amerikanisches Militärgefängnis, die Gefangenen und die Bewacher sind Soldaten der selben Armee. Aber es herrscht Krieg, die Aufseher sind die Sieger, die zu Nummern degradierten Häftlinge werden zu lebenden Robotern abgerichtet. Drill und Demütigung als legale Folter. Während Guantanamo oder Abu Ghraib noch in ferner Zukunft lagen, entwarf der amerikanische Dramatiker Kenneth H. Brown sein Stück „The Brig“ („Der Knast“), das 1963 vom New Yorker Living Theatre uraufgeführt wurde.

Hinter einem Drahtkäfig, mit Blick in Zellen, Stuben, Exerzierräume erfuhr man über Stunden nichts als die drastisch dargestellten Rituale des entmenschlichten Stumpfsinns. Ein Strafsystem als staatlicher Sadismus, die US-Marines Bürgerkrieger in Uniform. Es war ein Schock, ein Skandal, die Schauspieler wurden vorübergehend verhaftet und das Living Theatre aus Amerika vertrieben. Erst 45 Jahre später kehrte die längst weltberühmte Truppe zurück, eröffnete in Manhattan ein neues Haus – und spielte wieder „The Brig“, diesmal bejubelt. Davor, im Frühjahr 2008, gastierte die Aufführung bereits in der Berliner Akademie der Künste und bei einem Festival in Florenz. Die Berliner Filmemacher Karin Kaper und Dirk Szuszies, er selber ein früherer Living-Akteur, haben nun die Theaterszenen mit Interviews, Einblicken hinter die Kulissen und Auftritten der uniformierten Spieler auf den Straßen von Berlin und in Italien gegengeschnitten.

Es ist unterm Titel „Another Glorious Day“ eine große Hommage an das einst so revolutionäre Living und seine nicht minder legendäre Leiterin, die heute 83-jährige Schauspielerin, Regisseurin und Friedenskämpferin Judith Malina. Dazu ist es ein theater-politischer Film mit der eindeutig zweideutigen Botschaft: Kapitalismus und Krieg gehören zusammen, aber, so sagt es die als Kind mit ihren jüdischen Eltern vor den Nazis geflohene gebürtige Kielerin Judith Malina, wir seien alle Gefangene „im Gefängnis der Strukturen und des Lebens“. Kenneth Brown, der Autor, fügt hinzu, nicht er habe das Stück geschrieben, sondern die Wirklichkeit, die er als Teilnehmer des Koreakrieges und Insasse in einem Militärknast erfahren habe. Der Zuschauer fragt sich indes, ob ein dokumentierender Blick in die erwähnte Wirklichkeit nicht noch erhellender gewesen wäre als die auf der Bühne für heutige Augen inzwischen etwas konventionell nachgestellte Realität. Die 15 jungen, hingebungsvoll agierenden Theaterschauspieler sind zwar bravourös, doch filmisch erzählt eine Sequenz, in der einem der Darsteller in seinem Hotelzimmer der Kopf geschoren wird, mitunter mehr als alles Spiel. Im Close-up nämlich sieht der militarisierte Schädel mit seiner dunklen Stoppelwüste und der nackten Haut plötzlich aus wie ein menschliches Schlachtfeld. So beginnt der Krieg im Detail (nur im Eiszeit, OmU).Peter von Becker

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