Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

TANZ

Ohne Ende: Jeremy Wades

„there is no end to more“ im HAU 2 Sind wir nicht alle ein wenig kawaii? Der japanische Begriff bedeutet so viel wie „süß“ und „kindlich“. In „there is no end to more“ von Jeremy Wade im HAU 2 (wieder am 27. 11., 20 Uhr) geht es aber um mehr als ein ästhetisches Konzept, der ganze Diskurs ist hier kawaii. Der Choreograf hat ein tolles Team zusammengetrommelt: die Schwarz-Weiß-Illustrationen sind von Hiroki Otsuka, die grellen Videos schuf der Berliner Künstler Veith Michel, die delirierenden Texte stammen von Wade, dem Performer Jared Gradinger und dem New Yorker Künstler Marcos Rosales.

Das Stück ist angelehnt an eine japanische TV-Show für Kinder: Jared Gradinger führt als aufgedrehter Mister Cosy durch die Show, kämpft sich aber zunächst durch unendliche Fantasy-Abenteuer. Wade zeigt hier nicht nur, wie die kindliche Fantasie kolonisiert wird – es gibt auch keinen Raum mehr, der nicht durchdrungen ist von Marketingstrategen. Die pädagogischen Clips zu den Themen „Community“, „Familie“ und „Körper“ münden alle in dem Mantra: „Es gibt kein Ende von Mehr“. Mit garstigem Witz entlarvt Wade die Konsumideologien. Die Performance könnte stärker mit den bewegten Bildern verwoben sein, doch wie Jared Gradinger sich atemlos durch Scheinwelten bewegt, um dann wieder auf seine physische Existenz zurückgeworfen zu werden, das ist lustig. Am Ende schallt ein Hilfeschrei durchs Dunkel: „Hilfe, ich schrumpfe!“ Sandra Luzina

POP

Drei Tage lang: Moderat im Astra-Kulturhaus

Moderat zählen die Hamburger Oval zu ihren Vorbildern und haben sie als Vorgruppe ins rappelvolle Astra geladen. Deren spartanischer Klickertechno hat allerdings wenig gemein mit dem auf Breitenwirkung angelegten Sound der Berliner. Das aus den Mitgliedern der Electronica-Acts Modeselektor und Apparat bestehende Trio verweist auf die massenbewegenden Rave-Hymnen der Neunziger. Deren Klangsignaturen kombinieren sie mit Geräuschclustern oder Gitarrenschraffuren. Manchmal haucht Apparat-Mann Sascha Ringer eine verhuschte Zeile, während die Modeselektoren Gernot Bronsert und Sebastian Szary an ihren Laptops schrauben. Das wenig aufregende Bühnengeschehen wird durch die Visuals aufgepeppt: Da explodieren Betonpfeiler, tropfen Flüssigkeiten, greifen Hände, spiegeln Oberflächen.

Der umjubelte Gaststar und Seeed-Rapper Dellé bringt am Schluss eine fast irritierende Dynamik ins Spiel, auch wenn „Sick with it“ nicht zu den gelungensten Moderat-Tracks gehört. Weil das Repertoire nach anderthalb Stunden erschöpft ist, spielen sie einen der besten Tracks noch mal: das hypnotische „A New Error“. Und zwar im „Bar-25-Remix, der dauert drei Tage“, wie der inzwischen ziemlich aufgedrehte Bronsert meint. Ganz so episch wird’s dann nicht, aber das Publikum zieht zufrieden davon. Jörg Wunder

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