Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Nadine Lange

ROCK

Erdbeben und Schokolade:

Gossip in der Columbiahalle

Beth Ditto ist eine Allesgeberin. Eine, die ohne Rücksicht auf Verluste immer weiter nach vorne prescht. So hat sie ihrer Band Gossip den Ruf einer hyperenergetischen Live-Combo erarbeitet – und den wird sie nicht aufs Spiel setzen, nur weil in der ausverkauften Columbiahalle ihre Stimme nicht ganz auf der Höhe ist. Ditto ignoriert das einfach und treibt ihr fulminantes Soul-Organ weiter durch die Songs. Ab und an kracht es, doch niemand hier nimmt ihr das übel. Schließlich gibt es genug zum Abfeiern: „2012“ rockt die Halle wie ein Erdbeben aus Ronald Emmerichs gleichnamigem Film, „Love Long Distance“ steigert sich vom ersten Keyboardakkord an in eine unwiderstehliche Pop-Ekstase hinein und bei „Coal to Diamond“ steht plötzlich der Blues rabenschwarz im Raum. Gossip waren bisher in kleineren Hallen zu Hause und manchmal merkt man ihnen das an. So könnte der Sound des Trios aus Portland, das live von einem Bassisten unterstützt wird, etwas mehr Druck vertragen. Doch spätestens beim Zugabenteil ist das vergessen: Ein Tausend-Kehlen-Chor singt mit Beth Ditto „What’s Love Got To Do With It“ von Tina Turner, die am Konzerttag ihren 70. Geburtstag feiert. Dazu gibt’s Schokoriegel und anschließend den Indie-Überhit „Standing In The Way of Control“, zu dem sich die nur noch mit schwarzer Unterwäsche bekleidete Sängerin durch die Menge kämpft, während auf der Bühne Gloria Viagra mit zwei Transen- Freundinnen die langen Beine schwingt. Und plötzlich ist auch Beth Dittos Stimme zurück. Eine Rock’n’Roll-Wunderheilung! Nadine Lange

KLASSIK

Wucht und Dichte: Zubin Metha

dirigiert die Staatskapelle

Ein auffällig raffender, zielgerichteter Zugriff beginnt in der letzten Zeit die Dirigate Zubin Mehtas zu prägen – ganz als ob sich bei dem 73-Jährigen schon jener Altersstil ankündigen würde, der bei vielen großen Dirigenten schließlich zu einer Konzentration auf die Essenz der Musik führt. Auch Dvobáks Siebte wird in der ausverkauften Philharmonie von diesem konzentrierten, strengen Geist geordnet (wieder Mo 30.11., 20 Uhr, Konzerthaus). Das Folkloristisch-Melodiöse in den Holzbläsern, die tänzerische Nachgiebigkeit im Scherzo – all das ist zwar präsent und klingt im warmherzigen Sound der Staatskapelle oft berückend schön, wird aber von Mehta nicht besonders episodisch ausgeschmückt. Stattdessen rückt er das oft unterschätzte Stück in ein Spannungsfeld aus schicksalhafter Wucht und brahmsischer Melancholie. Dieser Dvobák ist in jedem Takt ein großer, ernster Komponist. Natürlich kann Mehta den großen Klang quasi aus dem Handgelenk schütteln, doch holt er ihn nie zum Selbstzweck hervor: Er nutzt ihn, um etwa Weberns Orchesterstücken Opus sechs auf Anhieb eine Dichte und Fülle zu geben, die diese Miniaturen wie Mosaiksteine einer Mahler-Sinfonie erscheinen lässt. Dazwischen Strauss’ Vier letzte Lieder als berückendes Exempel uneitlen Kapellmeistertums: Schlicht und fließend begleitet Metha diese letzten Nachechos der deutschen Romantik, bei ihm bleiben die Stücke bei Farbigkeit des Staatskapellen- Straussklangs immer noch Lieder. Und so singt Anja Harteros, gerade zur Opernsängerin des Jahres gekürt, die vier Gedichte auch: mit edlem Sopran und leuchtender Linienführung, aber zugleich auch mit ungekünstelter, im besten Sinne einfacher Empfindung. Was braucht es mehr? Jörg Königsdorf

THEATER

Aufruhr und Rätsel: Schillers „Seestücke“ in der Volksbühne

Alle Hauptmotive abenteuerlicher Seefahrerei müssen herbeigebracht werden, schrieb Schiller im Textentwurf zu einem „Seestück“: „Meuterey. Brand im Wasser. Verlorener Anker. Seebegräbniß. Seegefecht + Seeraub. Tauschhandel mit Wilden. Geographische Entdeckungen. Mitreisende Gelehrte. Transportierte Verbrecher.“ Nicht eben wenig, um dem Theater Beine zu machen. Es entstanden dialoglose Skizzen zu drei dramatischen Vorschlägen: „Das Schiff“, „Die Flibustiers“ und eben „Seestück“ (wieder, Sa 29.11., 19 Uhr). Nur wenige Seiten umfassend, variieren die Entwürfe eine neue Welterfahrung im Konflikt von Heimat und Ferne. Europa wird zur Disposition gestellt, Aufruhr findet statt, Handel und Wandel zeigen ihr hässliches Gesicht. In der Volksbühne werden die drei Seestücke im Gefolge von „Ozean“ von drei jungen Regisseuren auf die Bühne gebracht – als trumpfend freie Assoziationen nach den gedanklichen Anregungen Schillers. Der schwarz verhangene Großraum der Volksbühne (Bert Neumann) bildet die Klammer für fantastisch unterschiedliche szenische Versuche. „Seestück 1“ präsentiert Ulrich Rasche als oratorisches Schreit- Stück in strenger Schwarz-Weiß-Schraffur und pulsierendem Licht. „Seestück 2“ zeigt, beginnend mit einer filmischen Reportage über Arbeitsprozesse im Panama-Kanal, die Ankunft und Ansiedlung von Menschen verschiedener Rassen in kleinen Zelten (Regie Heiko Kalmbach), „Seestück 3“ schließlich wuchtet Protest, Aufruhr, Streit in einer Quarantänestation mit äußerster Lautstärke und dröhnender Schiffsglocke auf die Szene (Regie Ulf Aminde). Schiller steckt wohl in allen Versuchen drin, doch auf die kargen Vorschläge des Klassikers hat sich keiner der Regisseure verlassen. So besteht der Reiz des Abends vor allem in der Entschlüsselung. Christoph Funke

COUNTRY

Poesie und Melancholie:

Steve Earle im Columbiaclub

„Townes Van Zandt ist der beste Songschreiber der Welt“, sagte Steve Earle 1995. Und dass er sich mit seinen Cowboystiefeln auf Bob Dylans Kaffeetisch stellen würde, um das zu verkünden. Dylan würde vermutlich knurren: „Okay, Steve, jetzt komm da mal wieder runter und lass uns zusammen Pancho & Lefty spielen!“ Den wohl bekanntesten Song des 1997 gestorbenen Van Zandt singt Dylan gelegentlich auf Tour. Steve Earle bringt jetzt seine eigene leidenschaftliche Version in den Columbiaclub. Townes war sein Freund und Lehrmeister, erzählt er in einer langen poetischen Geschichte, einem gesprochenen Lied vor dem Hintergrund eines melodischen Fingperpickings. Wie schon sein jüngstes Album „Townes“ widmet Earle seine Tour dem texanischen Weggefährten. Wobei er dessen Lieder in ihrer reinsten und schönsten Form interpretiert: nur mit Stimme, Akustikgitarre und einer krähenden Mundharmonika. Ganz alleine steht er da, im karierten Hemd und mit langem Bart. „Mr. Mudd and Mr. Gold“ tauchen auf, all die schönen Townes-Lieder: „Where I Lead Me“, „Colorado Girl“. Dazwischen flicht er eigene Songs wie „Ft. Worth Blues“, „Taneytown“, „Goodbye“. Und wieder zeigt sich, dass Earle, wenn er solo und nur seine akustischen Gitarren, Bouzouki und Mandoline spielt, so viel mehr berührt als mit seinen krachigen Bands. Traumhafter Abend. H. P. Daniels

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