Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sandra LuzinaD
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Im Clinch. Dieter Baumann und Jutta Hell in „display life“. Foto: Gerhard F. Ludwig 

TANZ

Beziehung auf der Kippe: Rubatos „display life“ in der Tanzbühne

Der Kapuzenträger begegnet einem immer öfter auch im Theater. Besonders bei Tänzern ist die Rapper-Kluft beliebt. Kapuzenmenschen auf der Bühne stehen nicht automatisch für die kopflose Aktion, haben aber oft etwas zu verbergen. Jutta Hell und Dieter Baumann von der Tanzcompagnie Rubato streifen sich in ihrem neuen Stück „display life“ (Halle Tanzbühne, wieder 29.11. und 3.–6.12., jeweils 20 Uhr) die Kapuzen immer dann über, wenn es um Nähe geht – und die Beziehung zugleich auf der Kippe steht. „display life“ spielt in einem geometrischen Raum. Ein weißes Viereck auf schwarzem Grund – es stellt eine Art inneren Bezirk dar, der auch schon mal zur Kampfzone wird. Der Raum im Raum wird durch das wechselnde tänzerische Kraftfeld definiert. Die beiden Tänzer durchqueren verschiedene Seinsentwürfe – die oft etwas Vorläufiges, manchmal auch Regressives haben. Aus den vorgeschriebenen Bahnen stolpern die immer wieder ins Ungewisse. So zögerlich, wie sie sich aufeinander zubewegen, so entschlossen wenden sie sich wieder ab. Meist bewegen sie sich gegenläufig, verkörpern eine stummen, zähen Widerstand, der schon mal zum angedeuteten Machtkampf wird. Dann wieder bilden sie ein verschworenes Paar, klopfen sich rhythmisch auf die Brust – die Herzen schlagen hier im gleichen Takt. Manchmal erkennt man am schlenkernden Gang oder am aggressiven Vorwärtspreschen den Habitus von Zeitgenossen wieder. Die getanzten Reflexionen zu Raum, Sein und Zeit wirken manchmal etwas schematisch. Doch Hell und Baumann korrespondieren wieder ganz wunderbar. Sandra Luzina

KLASSIK

Viel Schwung: Martin Helmchen und Heinrich Schiff im Kammermusiksaal

Als Heinrich Schiff seine bemerkenswerte Cellistenkarriere startete, war der junge, schon vielbeschäftigte Pianist Martin Helmchen noch gar nicht geboren. Im Kammermusiksaal, wo die beiden Künstler ein gewichtiges, sich vom Kernrepertoire zur Moderne vorarbeitendes Programm stemmen, könnte der Dialog der Generationen seine Reize entwickeln: Jugendlicher Schwung trifft auf umsichtig gestaltende Erfahrung. Doch der kommt kaum zustande, weil hier zwei Temperamente nicht zusammenpassen. Beethovens Sonate D-Dur op. 102 nutzt Helmchen zur Demonstration seiner Brillanz; perlende Läufe und knackige Akkorde übertönen den Cellisten und degradieren ihn zum bloßen Lieferanten von Farbvaleurs. Der häufige Seitenblick des vitalen Pianisten zum sensiblen Streicher wirkt da wie Attrappe und heißt wohl eher: Kommt er noch mit? Ist er noch da? Dafür gehört Schiff ganz das „Adagio con molto sentimento d’affetto“, als konzentrierte Innenschau im fast erstarrten Gesang. Expressives in sanfter Tongebung auch in der e-Moll-Sonate von Brahms, doch im wühlenden Fugato-Finale sorgen Intonationstrübungen für Unklarheit gegenüber dem unbeirrten Pianisten. Weniger an Tempo und Dynamik wäre hier viel mehr. Nach Beethovens klavieristisch schäkernder Variationenfolge „Ein Mädchen oder Weibchen“ hat Schiff endlich seinen großen Auftritt: Von ehernen Basstönen aufsteigender dramatischer, weit geschwungener „Gesang“ prägt „Grave“ von Witold Lutoslawski. Auch in Debussys später, mit Flamenco-Grandezza aufwartender Sonate gibt es ein Geben und Nehmen in den Pizzikato-Gesten der „Serenade“ und dem flirrenden Finale, wenn der Pianist begreift, dass er manchmal nur für den zart vibrierenden Klanghintergrund sorgen muss. Isabel Herzfeld

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