Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

H. P. Daniels,Jens Hinrichsen

ROCK

Klangschmiede aus New York:

Living Colour im Lido

Ende der Achtziger machte die schwarze New Yorker Band Living Colour mit einer sensationellen Mischung aus Rock, Funk, Jazz, Heavy Metal und Gesellschaftskritik Furore. Bis 1995. Dann war die Luft raus. Jetzt vibriert sie wieder, als die wiedervereinte Gruppe zu tosendem Jubel auf die Bühne des Lido kommt. Und sofort lässt Vernon Reid aus seiner Parker-Dragonfly-Gitarre die typisch orgelnden Obertöne ins Auditorium fliegen. Metallhammerharter Rock, präzise nach vorne geknüppelt von der exquisiten Rhythmusgruppe Will Calhoun und Doug Wimbish an Schlagzeug und Bass. Während Corey Glover mit hochgeschobener Froschaugenbrille auf dem kahlgeschorenen Schädel den Shouter gibt. Er trägt eine Lederschürze, wie ein Schmied, der nur härteste Eisen dengelt. Rasantes Funk-Geschmackel, von Reid durchs Wah-Wah geschüttelt und pedaliert. Durch den Gitarrensynthesizer gejagt.

„It’s the language that I know“ singt Glover, dessen Schürze jetzt wirkt wie eine schusssichere Weste. „Burned Bridges“ mit Wahnsinnstrillern auf der verzerrten Gitarre. Eine knurrige Heavy-Metal-Nummer. Messerscharf, edelstahlgehärtet. Reid flattert mit den Fingern übers Griffbrett, lässt die Gitarre durch alle möglichen Tonarten wiehern. Dazwischen ein Augenblick zum Luftholen, als die Luft im Saal längst verbraucht ist, zugequalmt. „Flying“ klingt wie eine durchgedrehte Country-Funk-Ballade. „Bi“ nach melodischem Soul-Funk. Fünfzehn Minuten Soloeskapaden des Drummers: Electronica-Einsprengsel, Sequenzer-Figuren, Feuerwerk und Funkenflug aus blinkend wirbelnden Glimmerstöcken. Reid und Wimbish tippen in ihre aufgeklappten Laptops: Hundegebell, Möwengeschrei, Orchester, bizarre Effekte. Manchmal weiß man nicht, ob der Sänger kreischt oder die Gitarre.

Am Ende bestätigen sich die Songs der beiden ersten Alben erneut als zeitlose Klassiker. Verdeutlichen aber auch, dass gegen „Glamour Boys“, „Cult Of Personality“ und „Love Rears Its Ugly Head“ die einseitiger in Richtung Heavy Metal gehenden Songs vom neuen Album „Chair In The Doorway“ nicht mithalten können. Nach über zwei Stunden ist man total geschafft. H. P. Daniels

KUNST

Dürer von Danzig: Zeichnungen aus Polen in der Akademie der Künste

Eine surreale Säule ragt im Nachtschwarz der Radierung von Przemyslaw Tyszkiewicz auf: Ein Baum voller Elfen und Drachen wächst in der barocken Bildfantasie des Künstlers, der 1999 als Träger des „Daniel-Chodowiecki-Preises für polnische Zeichnung und Grafik“ gekürt wurde. Doch nicht nur Preisträger, auch herausragende Teilnehmer des Wettbewerbs gehören zu den 27 Künstlern, die in einer Rückschau der Akademie der Künste präsentiert werden (Hanseatenweg 10, bis 20. 12., Di. –So. 11–20 Uhr).

Günter Grass, Kaufmannssohn aus Danzig, gründete 1992 die Chodowiecki-Gesellschaft. Ihr Namenspatron wurde 1726 ebenfalls in Danzig geboren und starb 1801 in Berlin: Daniel Chodowiecki, der nicht nur Künstler und Grafiker war, sondern auch Reformer der preußischen Akademie der Künste.

Magdalena Hoffmann – die mit Zeichnungen reifer Körper vertreten ist – war 1993 die erste Preisträgerin, der sechs weitere Künstler folgten. Doch es ergibt sich kein einheitliches Bild polnischer Zeichnung. Man spürt die zunehmende Öffnung gegenüber „westlichen“ Darstellungsformen nach dem Mauerfall. Nach den an der Renaissance orientierten Radierungen Ryszard Stryjecs – Grass nannte ihn „Dürer von Danzig“ – folgen abstrakte Arbeiten, etwa die Linolschnitte von Marta Lech und Elzbieta Banecka oder Andrzej Weclawskis collagenhafte „Zeichenalphabete“ aus Buchstaben. Die Malerei mit zottigen Hunden der 1994er-Preisträgerin Maria Teresa Kuczynska ist ein anti-zeichnerischer Ausreißer in der Ausstellung. Jens Hinrichsen

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