Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sybill Mahlke

KLASSIK

Wundervoll: Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker

Nie ist Béla Bártok wilder, erregter, härter gewesen als in seiner Ballettpantomime „Der wunderbare Mandarin“, einem der extremsten Werke des 20. Jahrhunderts. Nach der Kölner Uraufführung 1926 wurde es von Oberbürgermeister Konrad Adenauer verboten. Denn die Handlung spielt im großstädtischen Zuhältermilieu, wo ein Fremdling seinen unheimlichen Liebestod findet. Mit der Konzertsuite präsentieren sich die Berliner Philharmoniker nun in Hochform von den furiosen Streichern an. Zubin Mehta ist wiederum von der Staatskapelle zu den Philharmonikern übergewechselt, die er seit den sechziger Jahren als gern gesehener Gast dirigiert. Sein Konzept heißt, den charakteristischen Lärm der Partitur, ihre Ekstase in ein Tongemälde von betörender, aber durchaus drastischer Schönheit einzubringen. Ein Meisterwerk philharmonischen Klanges. Mit ungewöhnlichem Zwischenapplaus für einen frühen Schubert gleitet in der Philharmonie die Symphonie D 200 vorüber, bezaubernd duettieren im Trio Oboe und Fagott.

Der griechische Wundergeiger Leonidas Kavakos verfügt über den vielleicht schönsten Ton, der sich auf dem Instrument hervorbringen lässt. Besonders in den Regionen des Leisen glänzt er wie helles Gold. Kavakos’ Interpretation des Beethovenkonzerts ist von der Art, aus der klassischen Komposition Fäden hinüberzuspinnen in den Bereich der Romantiker. Die Haltung wirkt weniger konzertierend als traumverloren, ein Virtuose, dem die Welt zum Traum wird: verliebt in den eigenen Klang, Narziss und zugleich Publikumsliebling. Mehta weiß, was es heißt, zu begleiten und wesentliche Impulse zu geben. Sybill Mahlke

TANZ

Gefesselt: Michael Clark bei der „Spielzeit Europa“

Die Briten bringen endlich Extravaganz in die „Spielzeit Europa“: mit einer Londoner Haremsfantasie inklusive Songs von Velvet Underground. Männer wie Frauen tragen roséfarbene Gesichtsschleier und hautenge Glamrock-Pants. Für solch radikale Stilbrüche, wie für das Unterlaufen von Gender-Konstruktionen, ist Michael Clark berühmt. Seine neue Kreation „come, been and gone“ ist ein Tribut an David Bowie, Iggy Pop und Lou Reed – das „Dreigestirn des Rock“.

Erst einmal jedoch plündert Clark das eigene Werk. Eröffnet wird der Abend im Haus der Berliner Festspiele mit „Swamp“ aus dem Jahr 1986, das in seiner kühlen Bewegungskonstruktion an Merce Cunningham erinnert. In „come, been and gone“ hat sich Clark von den Posen der Rockstars inspirieren lassen – die Tänzer schieben das Becken vor und werfen den Kopf zurück. Und das Mikro muss mal wieder als Phallussymbol herhalten. Clark sexualisiert den Tanz, gleichzeitig wirkt er betont sperrig. Das Laszive überzieht er ins Lachhafte. „Venus in Furs“ spielt auf Sado-Maso-Praktiken an, da schreitet die Mistress in Silbertrikot über den liegenden Mann hinweg. Kalkulierter Krach ist die Musik, seinen Tänzern hat Clark aber Fesseln angelegt.

Manchmal reiben sich Musik und Tanz, oft laufen sie nebeneinander her. Schräg ist der Look bei den Bowie-Songs. Anfangs sehen die Tänzer wie narkotisierte Pinguine aus, lustig sind die stelzenden Girls in Matrosenjäckchen bei „The Jean Genie“. Doch Clark, der kurz in gelbem Smiley-Kostüm auftritt, fällt nur wenig ein. Seine musikalischen Helden aus den Siebzigern wirken unerreicht. So stimmt „come, been and gone“ am Ende ein wenig nostalgisch. Sandra Luzina

MUSICAL

Keimfrei: „Dr. Ich – das Mikrobical“ im Maschinenhaus der Kulturbrauerei

In der Kulturbrauerei ist zurzeit Weihnachtsmarkt. Sich seinen Weg durch die bratwurstmampfende Menschenmenge bahnend, wird der Besucher schon mal eingestimmt auf die Produktion, die ihn ein Stockwerk höher im Maschinenhaus erwartet. Denn in „Dr. Ich – das Mikrobical“ (Musik und Text: Tom van Hasselt, Regie: Marcus Lachmann) dreht sich alles ums Essen oder besser: um die Organismen, die damit fertig werden müssen. Das Experiment eines Wissenschaftlers (Boris Freytag) schlägt fehl, er findet sich in seinem eigenen Darm wieder, wo ihn vier Bakterien wie den Erlöser begrüßen. Der ironische Angriff auf alles Religiöse ist allerdings wenig originell und rennt, zumal in Berlin, Türen ein, die offen stehen.

Neben dem Glauben soll hier auch das Genre „Musical“ von Innen her gesprengt werden. Viel mehr als ein Feuerwerk an flachen Kalauern kommt dabei allerdings nicht heraus – was nicht schlimm ist, da das Publikum sowieso fest entschlossen ist, zu lachen, auch über den „Arschäologen“, über die „Nahkoterfahrung“ und die Erkenntnis: „Es gibt ein Leben nach dem Kot.“ Der unbedingte Wille, lustig zu sein, wird zum Problem des Abends, da er das musikalisch und schauspielerisch eigentlich hohe Niveau – vor allem Nini Stadlmann beeindruckt als gertenschlankes, ätherisches Milchsäurebakterium Lacta – immer wieder für billige Witze verschenkt. Da jede interessante Entwicklung sofort und rückstandslos in Slapstik und Blödelei aufgelöst wird, bleibt der Abend paradoxerweise keimfrei (wieder am heutigen 6. sowie am 11., 12., 17., 18., 20., 27. und 28. Dezember). Udo Badelt

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