Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Happy Birthday: Quartette ehren Walter Levin in der Philharmonie

Eine Geburtstagstorte nur aus Stücken für Streichquartett gibt es im philharmonischen Kammermusiksaal: Zu Ehren des 1924 in Berlin geborenen Walter Levin, Gründer und vierzig Jahre lang Primgeiger des LaSalle-Quartetts, spielen sechs junge Quartette auf. Im Programmheft erzählen sie von der Liebenswürdigkeit und Autorität Levins, der Zuneigung zu seinen „Kinderchen“ und seiner pädagogischen Beharrlichkeit. Und spielend im doppelten Sinne beweisen sie den Erfolg seiner Arbeit als Lehrer.

Ausnahmequartette sind es durchweg, das tschechische Zemlinsky-Quartett, das noch sehr junge Schweizer Gémeaux- Quartett, das spanische Cuarteto Quiroga, mit Weberns Fünf Sätzen op. 5, spröder Eleganz und noch etwas „Zusammenwachs-Weg“ vor sich; das Amaryllis- Quartett, das mit sanftem Timbre Kurtágs „Officium breve“ spielt oder das Cuarteto Casals, das Haydns op. 33, 2 gibt, intelligent, mehr als nur gewitzt, den Schluss auskostend, der gar keiner ist. Sogar die spürbar quartetterprobte Zuhörerschaft fällt darauf herein: Applaus, obwohl es weitergeht. Ungerührt bringen die vier den Satz zu seinem Ende, Gelächter und Staunen im Saal.

Ausgereift, geschlossen tönt auch das Kuss-Quartett, dem mit den endlos sich fortspinnenden Phrasen von Brahms’ op. 67 viel Spannung abverlangt ist. Die Kuss-Spieler musizieren souverän, lassen das Agitato schweben und das Vivace wie ein Stück klingen, das sich aus dem 18. Jahrhundert nach vorn verirrt hat. Begeisterung, stehende Ovationen für Levin und ein gestrichen-gesungenes „Happy Birthday“. Christiane Tewinkel

ROCK

Hagelsturm: Die Melvins

in der Maria am Ostbahnhof

Die Melvins erinnern an ein Leben ohne Gesetz, das so lange dauert, bis man sich der nächsten Freundschaft beugt. Wenn es sein muss, drehen sie Katzen die Hälse um, um den Geräuschesturm, der täglich weht, in den Griff zu kriegen. Nur so entsteht Schönheit, Größe, Härte und die unbeirrbare Sturheit, die die Band aus Seattle auszeichnet, seit sie mit ihrem Debütalbum „Gluey Porch Treatments“ 1986 Hardcorepunk mit Heavy Metal versöhnte und in eine abstrakte Phase führte, die bis heute andauert.

Beim Auftritt in der Maria am Ostbahnhof beglücken sie ihre Fans am Nikolausabend gleich mit zwei Sets, angeführt vom dicken Buzz Osborne alias King Buzzo, der mit seiner ergrauten Stromfrisur aussieht wie ein verschollenes Mitglied der Addams Family und neben Schlagzeuger Dale Crover die einzige Konstante in der Bandbesetzung ist. Alles klingt natürlich wie gehabt: das wuchtige Anrollen, die eigentümliche Vorstellung von Groove, der im Treibsand stecken bleibt, alles Schmirgelnde, sich Reibende an rauer Oberfläche in schwer atmende Akkordfolgen verpackt, die umso bewusstseinsergreifender wirken, desto länger die Band in einen Song hineinstarrt. Mit dem zweiten Schlagzeuger Coady Willis sorgt Crover für das Doppelklopper-Fundament, auf dem sich Bassist Jared Warren und King Buzzo an der Kreischgitarre verknoten oder an ein Basisriff im Feedbackgetöse verlieren. Dann wieder rein in die Materie: mit manischem Gebrüll, Felsengewitterdrums und Riff-Attacken, die wie ein Hagelsturm herunterprasseln, um einen auf die Knie zu zwingen. Volker Lüke

KLASSIK

Himmelsleiter: 14 Berliner

Flötisten im Kammermusiksaal

Das passt märchenhaft: 14 Engel tauchen in Humperdincks Pantomime auf, nachdem Hänsel und Gretel ihren Abendsegen gebetet haben. Und 14 Berliner Flötisten intonieren die Musik und zeigen, welche Genialität in ihr auch jenseits der originalen Farbigkeit waltet. Denn auf den Hörnerklang ist zu verzichten, weil es sich um ein reines Flötenteam handelt. Und doch findet die Überhöhung einer großen Nachtmusik zwischen Dunkel und Himmelsleiter statt. Unter der künstlerischen Leitung von Andreas Blau spielen führende Mitglieder der Orchester, auch ehemalige wie der Philharmoniker Wolfgang Dünschede und Werner Tast, an der Komischen Oper und nicht nur dort ein unprätentiöser Star.

Um die Gruppe mit Grundgewalt der Tiefe auszustatten, produziert die Werkstatt von Iizuka umfängliche Instrumente bis zu der Subkontrabassflöte, auf die der Japaner spezialisiert ist. Klaus Wallendorf, beliebter Comedian seiner Hörnergruppe, moderiert im Kammermusiksaal besinnlicher als sonst. „Alle spielen Flöte bis zur Morgenröte“, das ist nicht nur gereimt, sondern auch ein Stück Realität. Denn Probentermine, die vielen gerecht werden, sind schwer zu finden. Aber nun harmonieren sie in erlesenem Klang, wenn sie Singstimmen und vielerlei Instrumente ihrem Ensemble anverwandeln. Vivaldi, Corelli, Tschaikowsky, Bach – Flötenweihnacht. Sybill Mahlke

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