Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Patrick Wildermann

THEATER

Schuld und Strafe:

Das Gefängnisensemble Aufbruch

„Gut und böse? Alles ist gut. Wenn es passiert, muss es gut sein.“ Diese Worte sprach der Mörder Robert Beausoleil dem Schriftsteller Truman Capote aufs Band, der den zu lebenslanger Haft Verurteilten 1979 in San Quentin besuchte. Der Text, den Capote über die Begegnung veröffentlichte, inspirierte nun das Gefängnistheater Aufbruch zu der Produktion „Dann ist eben alles passiert“ (wieder am heutigen 9. und am 11. 12., 17.30 Uhr). Eine zehnköpfige Gruppe von Insassen der Jugendstrafanstalt Berlin sowie sechs Schüler der Musikschule Fanny begegnen sich zu einer Reflexion über Schuld und Strafe.

Die Geschichte, die Regisseur Peter Atanassow und sein Ensemble erfunden haben, kreist um zwei Straßengangs, die in der Musik ihre einzige Chance auf Erfolg sehen. Das Stück schlägt die Brücke zwischen hartem Rap, den die Jugendlichen geschrieben haben, sowie den Hits der Flowerpower-Ära. Es mischt Texte von Capote und Manson mit Robert Wilson und Heiner Müller und stellt Fragen nach der Verantwortung – mit den jugendlichen Darstellern präzise erarbeitet. Einmal mehr beweist Aufbruch sein künstlerisches Vermögen. Patrick Wildermann

MUSICAL

Nur die Musik: Bundeswettbewerb Gesang im Friedrichstadtpalast

Aus der Zeit, als Deutschland seine Superstars noch nicht im Fernsehen suchte, hat sich eine charmante wie einflussreiche Institution in die Gegenwart gerettet: Mit seiner 38. Ausgabe bietet der Bundeswettbewerb Gesang Preisträgern der Sparten Musical und Chanson im Friedrichstadtpalast die ganz große Bühne. Und die will erst einmal erobert werden. Bei der Eröffnungsszene stakst das Ensemble noch wenig raumgreifend die von Moderator Götz Alsmann lässig freigegebene Showtreppe herunter. „Im Tanzen hakt es noch“, attestiert Musical-Professor Michael Dixon. Da lägen die amerikanischen Jungdarsteller weit vorn, während man musikalisch inzwischen gleichauf läge.

Ob Chanson-Haut-Couture oder hocheffiziente Musical-Konfektion – man spürt das Bemühen der Jury, Darsteller mit Charakter auszuzeichnen. Wie Gisa Flake, die den 1. Chanson-Preis gewann: Stark und doch anmutig, voller Lebenslust mit irrwitzigen Frustanfällen. Stefan Ebert spielt sich den Schmerz von der Seele, einfach nur als „die Musik“ engagiert zu werden und mutiert mit beschlagener Brille zum rächenden „Forte Mann“ (3. Preis Chanson). Der Kirchenmusiker und angehende Heilpraktiker Benedikt Zeitner dekonstruiert das Pathos des Nachbargenres zielsicher in Birkenstocksandalen mit seiner „Die Schöne und das Biest“-Exegese (Sonderpreis Chanson). Mit Julia Gámez Martin triumphiert im Musical eine Stimme mit ganz viel Soul: Eigentlich zu schön für den Gefühlsmainstream. Ulrich Amling

KUNST

Übermut der Linien:

Dieter Goltzsche bei Guardini

Um zu zeichnen, muss man ein Maler sein, sagt der Zeichner Dieter Goltzsche. 75 Jahre alt wird der Urberliner aus Dresden am 28. Dezember. In der Guardini Galerie wird ihm nun ein Ständchen gebracht: mit einer Auswahl seiner tiefsinnig leichtfüßigen Zeichnungen, Aquarelle und Mischtechniken (Askanischer Platz 4, bis 19. 12.; 5. 1.–29. 1.).

Ältestes Blatt ist eine in zarten Rot- und Grüntönen aufs Papier gehauchte „Weibliche Figur“ von 1987, die meisten der knapp 40 Werke stammen aus den letzten Jahren. Goltzsche, der immer wieder Grafiken zu Ausgaben von Jean Paul, Arno Schmidt, Sarah Kirsch und anderen Dichtern geschaffen hat, blieb sich im Wandel treu. Abbildend war seine Bildwelt schon zu DDR-Zeiten nicht, doch nun blitzt im Übermut von Linien, Farben, Flächen nur noch kondensiert die gegenständliche Welt auf. Das Poetische und das Nüchterne, das Flüssige und das Spröde, das Klare und das Raffinierte – Gegensatzpaare wie diese ließen sich viele finden für Goltzsches Griffelkunst. „Das Sehen ist eine Übung“ lautet eine weitere Goltzsche-Maxime. Man kann nicht genug davon bekommen. Michael Zajonz

KUNST

Der Kater folgt sogleich:

„Blick zurück“ in der Galerie Pankow

Sind nicht schon alle satt? Die kommunale Galerie Pankow wirft einen „Blick zurück nach vorn“ auf die Jahre um den Mauerfall, nachdem die bunt bemalten Steine umfielen und das Feuerwerk verglühte (bis 2. 1., Breite Str. 8, Di.–Sa. 15–20 Uhr). Doch die 14 Künstler aus Ost und West rufen nicht Hurra. Sie zeigen jene Zeit als Vakuum – in dem Leben vibrierend stillsteht. Die Menschen, die Mark Lammert in Öl malt, warten. Auf wen, auf was? Der Blick in die Zukunft verursacht vor allem Ängste. Durs Grünbein und Via Lewandowsky stecken 1989 ihren Kopf in einen großen Topf Griesbrei. Im Video, das die Performance dokumentiert, quillt die dicke Pampe an allen Seiten heraus. Der Lyriker und der Künstler lesen eine Anleitung zur Mumifizierung vor. Trak Wendischs „Kopfträger“ von 1990 ist eine gebückt schreitende Figur. Sie trägt an der Last, einen schweren Kopf, den sie auf ihrem eigenen balanciert.

Für diese Blicke auf die deutsche Geschichte hätte es wohl keinen besseren Zeitpunkt geben können. Eckhart Gillen, der auch die „Kunst und Kalter Krieg“-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum kuratierte, hat sehr emotionale Momentaufnahmen ausgesucht, in denen die Partystimmung schon seit langem verhallt ist. Anna Pataczek

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