Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Patrick Wildermann

THEATER

Neurotisches Kleeblatt: 

„4 nach 40“ im Theater am Kudamm

Es ist eine verlorene Generation: Die heute 40-Jährigen sitzen zwischen allen Stühlen, sie müssen es im Beruf zu etwas gebracht haben und sich dauerflexibel wie die Anfänger geben, sie sollen Familien gründen und die ewige Jugend verkörpern. Der österreichische Autor Fritz Schindlecker hat diese Midlife-Crisis-Dilemmata mit Lust am Klamauk bearbeitet, er sperrt ein Quartett gebeutelter Worst-Ager in einen Fahrstuhl, der ausgerechnet zwischen dem 40. und 41. Stockwerk eines Bürohochhauses stecken bleibt, und lässt die Lebenslügen seiner Zwangsgemeinschaft quasi auf Knopfdruck ans Licht kommen.

Nun bringt Andreas Schmidt die klaustrophobische Posse „4 nach 40“ im Theater am Kurfürstendamm auf die Bühne (noch bis 13. Dezember): Nina Hoger spielt eine kinderlose Karrieristin, die am Handy den Laufpass von ihrem Verlobten bekommt. Ingo Naujoks gibt einen Lehrer mit Suizidabsichten, der sich bei den Huren in Schulden gestürzt hat, Stephan Grossmann einen Versicherungsvertreter mit Machoallüren. Claudia Geisler komplettiert das neurotische Kleeblatt als arbeitsloses Naivchen mit versoffenem Ehemann – ein Käfig voller Knallchargen. Clou des Stücks sind die Momente, in denen die Figuren das Geschehen unterbrechen, um ihre geheimen Gedanken zu offenbaren, gerne auch in gesungener Form – was schief klingt und nur Klischees zutage bringt. Regisseur Schmidt inszeniert die Ü-40-Party dabei mit kalauerseliger Komödien-Routine und macht, wie auch die Schauspieler, das Beste aus einem Text, der zu seinen wenigen Pointen ruckelt, als bräuchte er einen Treppenlift. Patrick Wildermann

KLASSIK

Kunstanstrengung: Pierre-Laurent Aimard im Kammermusiksaal

Das hat man auch noch nicht erlebt, dass sich jemand für eine Zugabe entschuldigt. Immerhin spielt Pierre-Laurent Aimard nicht die Tritsch-Tratsch-Polka, sondern Debussys „Clair de lune“. Doch „kitschig, banal“ nennt Aimard das Stück, lächelt dabei – und entrückt den philharmonischen Kammermusiksaal gleichwohl. Reserve gegenüber dem leicht ins Ohr Fließenden umgibt diesen Abend von Anfang an; wie ein Banner trägt Aimard künstlerischen Anspruch vor sich her, schon in der Zusammenstellung von Wiener Klassik und neuester Zeit, den Variationen von Mozart und Beethoven sowie Reihungsformen von George Benjamin (geb. 1960) und Stockhausen. Zu Aimards geradezu überbewusstem Ansatz gehört der leuchtende, eisig geschnittene Mozart-Zugriff, dem nichts entgeht, der Thema und Variationen von KV 284 rastlos vor sich her treibt und seine Hörer nicht einen Takt lang in Ruhe lässt.

Komplexer, zugleich ausgeruhter klingen Beethovens „Eroica-Variationen“, nicht gar so seziert, in Satztechnik, Dynamik und Klangfarbe mehr Reichtum zulassend. Doch keinen Humor: Bis zum Ende bleibt dieser Abend ernst, ein Beweis für die Richtigkeit des Wortes „Kunstanstrengung“. Auch wenn Benjamins „Piano Figures“ sich wie Kinderstücke geben – sie sind Exerzitien über motivische Atome. Auch wenn Stockhausens „Klavierstück IX“ nach anarchischer Kraft tönt: Streng regeln Zäsuren und starke Atempausen, überdies ausgefuchste mathematische Mengenverteilungen die hunderte Repetitionen desselben Akkordes mit seinen Schattenspielen und Begleiterscheinungen. Christiane Tewinkel

NEUE MUSIK

Komplex: Das Ensemble Unitedberlin

im Werner-Otto-Saal

„Vom Gehorsam. Von der Verweigerung“ betitelt das Ensemble Unitedberlin seine vierteilige Konzertreihe im Werner-Otto-Saal, in deren Mittelpunkt vier in der DDR sozialisierte Komponisten stehen. Doch was angesichts des Mauerfall-Jubiläums als anregend gelten könnte, verliert in der vereinigten Realität die Konturen. Der Helmut Zapf gewidmete Abend gibt nur verschlüsselt Auskunft über Zusammenhänge von Kunst und Gesellschaft. Lehrer, Kollegen und Schüler, die für ihn bedeutsam wurden, hat der Komponist hier versammelt. Georg Katzers Streichquintett von 1991 verfolgt noch dezidiert ein Modell von „Toleranz und Rücksichtnahme“ – wie es allerdings jeder guten Kammermusik zu eigen ist. Mehr beeindruckt die Lebendigkeit dieser Musik, in deren avanciertem Gestus manchmal Traditionelles durchscheint. Viel spröder „Aynn Wintrstück“ von Hans-Peter Jannoch mit Texten von Sahrah Kirsch. Ksenja Lukiç gibt dem Sopranpart Spannung, Peter Rundel leitet das Ensemble mit ausdrucksvoller Präzision. Souverän lenkt Rundel auch den Ereignisfluss von Sebastian Stiers groß besetztem Werk „Labiles Gleichgewicht“, während der 19jährige Zapf-Schüler Kaspar Querfurth sich in „Einschluss“ für Klavier und Violine ganz in Innerlichkeit zurückzieht.

Zapf selbst zeigt sich am originellsten in „Sound“, dessen vielfältige, teils geräuschhafte, immer hoch virtuose Instrumentalaktionen das Sonar-Quartett in ein Feuerwerk der Stimm-, Zisch- und Schnalzlaute überführt. Dagegen leisten die frühen „ContraPunkte“ wie auch das uraufgeführte, komplex über geborstene und begehbare Wege reflektierende Ensemblestück “via rupta” in sperrigem Postserialismus dem Hörer einen gewissen Widerstand. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar