Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Kolja Reichert

KUNST

Der Echte und der Falsche:

Christian Jankowski bei Schinkel

Und sie bewegt sich doch! Oder? Atmet die überhaupt? Hat sie nicht gerade geblinzelt? Die Grenze zwischen Realität und Imagination wird zum Drahtseilakt, wenn auf öffentlichen Plätzen Menschen auf Sockel steigen und Statuen nachbilden, die Menschen nachbilden. Christian Jankowski dreht das Spiel der Pantomimen noch eine Umdrehung weiter: Er zeigt unter dem Titel „Living Sculptures“ im Schinkel-Pavillon Statuen, die Menschen nachbilden, die Statuen nachbilden, die Menschen nachbilden (Oberwallstr. 1, bis 20. 12., Do. bis So. 12–18 Uhr). Drei Bronzefiguren stehen in Richard Paulicks neoklassizistischem Oktagon, einander den Rücken zugewandt: ein schreitender Che Guevara mit Revolutionsparolen auf dem Sockel; ein thronender Zenturio, die Faust entschlossen vor der Brust geballt; und eine feine Dame mit Schubladen im Bauch: Reminiszenz an Dalís anthropomorphen Kabinettschrank. Die Heroik der Figuren ist trivialisiert, der Schauwert nivelliert jede historische Rolle. Das Publikum spielt mit: In der Amphore vor dem Zenturio sammelt sich Kleingeld.

Jankowski, der zuletzt die Moderatoren von der ZDF-Sendung Aspekte kopfüber hängen ließ, hebt einmal mehr mit hintergründigem Witz den Kitsch auf den Sockel der Kunst. Besonders dürfte ihm gefallen, dass die Figuren, die zuvor im Central Park die Passanten verwirrten, an den Adventswochenenden zu Statisten des ganz realen Schaubudentheaters werden: Vor den Fenstern blinken die Lichterketten, klimpern die Weihnachtslieder, drehen sich Kinderkarussell und Riesenrad. Und vor der Tür des Schinkel-Pavillons posiert, ungelogen, ein echter falscher Zenturio. Kolja Reichert

KLASSIK

Lauf der Hühner:

Leif Ove Andsnes im Radialsystem

Modest Mussorgskys „Baba Yaga“ mit irre laufenden Hühnern zu bebildern, beweist Humor und leises Wissen darüber, worum es eigentlich geht. Schließlich steht auch die Hütte der russischen Hexe, von der das Klavierstück mit Ausbrüchen, wilden Oktavritten und Quartsprüngen spricht, auf Hühnerfüßen. Der südafrikanische Künstler Robin Rhode nimmt die „Baba Yaga“ also ernst, aber nicht zu sehr, spiegelt die klare dreiteilige Form des geradezu gewalttätigen Stückes und lässt die Hühner trotzdem laufen, wie sie wollen. Dieses Beisammen von gewichtiger Klavierliteratur und frei assoziativ arbeitender Videokunst, von Instrumentalspiel und visueller Kurzweil mit Fahrrädern, Flugzeugen oder Kreidestrichen prägt den Experimentalabend „Pictures Reframed“ im Radialsystem. In Mittelpunkt steht Klaviermusik – Leif Ove Andsnes, brillant, biegsam im Ton und unmanieriert in der Art, ein Pianist alter Schule, aber lebendigen Zuschnitts, spielt Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, dazu Schumanns „Kinderszenen“ und den ganz neuen Zyklus „Was wird“ von Thomas Larcher. Und Rhode projiziert dazu im stockdunklen Saal Bilder an die Wand. Die beiden scheuen sich nicht, die Zyklen intakt und lange Passagen unbebildert, andererseits alles hermeneutisch Hubernde, schon gar die Entstehungsgeschichten außen vor zu lassen. Wenn dann zu Mussorgskys „Großem Tor von Kiew“, von Andsnes mit wunderbar geerdetem Fortissimo gespielt, auf der Leinwand ein Flügel von Gischt und Wellen überspült wird, ist das ein monumentaler, nur sekundenbruchteilelang gefühliger Ausklang für einen inspirierenden Abend. Christiane Tewinkel

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben