Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Udo Badelt

MUSIKTHEATER

Das Geheimnis der Wachswalze: „Amazonas“ im HAU

Theater, auch Musiktheater, ist überall: So lautet das Credo der freien Gruppe „Oper Dynamo West“, die gern Orte wie den Zentralen Omnibusbahnhof oder einen Supermarkt in Kreuzberg bespielen. Jetzt zeigen sie erstmals eine Produktion auf einer richtigen Theaterbühne. Das Material von „Amazonas“ unter Regie von Franziska Seeberg (wieder am heutigen Samstag, 20 Uhr, und Sonntag, 16 und 20 Uhr) kommt tief aus den Eingeweiden der Stadt: Im Ethnologischen Museum in Dahlem lagern tausende von Tondokumenten, die europäische Forscher in Afrika und Asien vor über 100 Jahren mit dem Phonographen und mit Wachswalzen aufgezeichnet haben. In der Bearbeitung des Duos Merzouga wird daraus eine Zeitreise in die Geschichte des Speicherns von Musik.

Drei Darsteller (Kirsten Burger, Hauke Heumann, Dominik Kleinen) geben vor, eine Sendung in einem Tonstudio aufzuzeichnen, tatsächlich sind sie aber selbst nichts anderes als Speichermedien, die den in Erfahrungsberichten geronnenen Blick der Forscher vortragen und die alten Walzen abspielen. Es rauscht, knirscht und zischt, man hört ferne Gesänge und Trommeln. Obwohl der Abend keine Geschichte im eigentlichen Sinn hat, erzählt er doch vom Ende des auratischen Charakters von Musik und den Versuchen, ihren flüchtigen Charakter festzuhalten. Was damals begann, ist inzwischen in einer Gegenwart angelangt, die so viel speichert wie nie zuvor und von der doch – wegen der kurzen Lebensdauer digitaler Medien – vermutlich so wenig bleiben wird wie von keiner Epoche zuvor. Udo Badelt

FILM

Eine Art Liebe:

Max Mayers „Adam“

Adam (Hugh Dancy) redet nicht viel, außer wenn er von den Weiten des Weltalls schwärmt. „Irgendwie süß“ findet Beth (Rose Byrne) ihren neuen Nachbarn mit dem Sternentick. Ein bisschen schüchtern, auch verstockt wirkt der junge Eigenbrötler – da gesteht ihr Adam in vollkommen nüchternem Ton eine gewisse sexuelle Erregung, was sie so genau nun auch wieder nicht wissen wollte.

Aber Adam weiß nicht, was andere Menschen wissen wollen und was nicht. Er leidet am Asperger-Syndrom, einer leichteren Form des Autismus. Als er dies Beth gesteht, wendet sie sich nicht von ihm ab. Die Ehrlichkeit, mit der er seine Bedürfnisse formuliert, überhaupt seine Direktheit im menschlichen Umgang faszinieren Beth, die in ihrer vorherigen Beziehung gründlich belogen und betrogen worden war. Langsam entspinnt sich eine Art Liebe. Aber wie liebt man jemanden, der bis zur Schmerzgrenze ehrlich ist?

Max Mayers „Adam“ (Broadway, Filmkunst 66, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei; OmU im Babylon Kreuzberg, OV im Cinestar SonyCenter) findet darauf, und das ist gut, auch keine Antwort. Aber er schaut den beiden beim Experimentieren zu, kleine Erfolge und großes Scheitern inbegriffen. Zwar gelingt es Adam, durch stetiges Training ein Vorstellungsgespräch erfolgreich zu absolvieren, den Code alltäglicher Konventionen aber knackt er nicht. Ganz zu schweigen von der Sprache der Liebe, die ohne Empathievermögen nicht erlernbar ist.

Mayer lobenswertes Bemühen, seine Liebesgeschichte als Komödie zu erzählen, leidet bald unter der Anstrengung an, jedes Abkippen ins Dramatische zu verhindern. So dringt „Adam“, anders als etwa Nic Balthasars „Ben X“, auch nicht tief in die Wahrnehmungswelten seines emotional behinderten Helden ein – wohl aus Angst, sonst die Zuschauer zu vergraulen. Etwas weniger Empathie gegenüber dem Publikum hätte dem Film ganz gut getan. Martin Schwickert

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