Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

ROCK

Immer schön gesetzlos bleiben:

Motörhead in der Arena

Immer dasselbe lustige Ritual: „We are Motörhead“, krächzt Lemmy Kilmister ins hoch gehängte Mikrofon, „and we play Rock’n’Roll!“ Womit von vornherein die häufig debattierte Frage beantwortet wäre, was Motörhead eigentlich für eine Musik machen. Schon knallt der Amphetamin-Hochdruck-Rock in die Treptower Arena – an diesem Abend Berlins größter Raucherclub. „Dark night, nothing to see, invisible hand in front of me“, kräht Lemmy mit heiserer Stimme und sieht in seinen schwarzen Klamotten, Stiefeln und Hut aus wie eine Mischung aus Kavalleriegeneral im amerikanischen Sezessionskrieg und Outlaw. Mit eiserner Faust hämmert er in seinen Rickenbacker-Bass, lässt ihn klingen wie eine Rhythmusgitarre. Mit dem langjährigen Gitarristen Phil Campbell steht er vor einer Wand von Marshall-Verstärkern, einer Wand aus Sound. Hinter dem Schlagzeug sitzt wie „Tier“ aus der MuppetShow Mikkey Dee, wo man nur die blonden Haare fliegen sieht und die wilden Stöcke wirbeln. „Stay Clean“. Wüstes Geboller. „Over The Top“. Puckernd punkendes Gemettel. Säge- und Jaul-Gitarre, heftige Rifferei, pfeifendes Wah-Wah- Solo. Quietschende Obertöne. Vielleicht ist Lemmy, der an Weihnachten 64 Jahre alt wird, neben Keith Richards so etwas wie der letzte echte Gesetzlose des Rock ’n’ Roll. „To live outside the law you must be honest“, heißt es bei Bob Dylan. Lemmy ist eine ehrliche Haut. Das spürt man deutlich und so klingt die Musik: simpel und rau, aber immer auch von Herzen. Nach anderthalb Stunden sind alle geschafft. Jedes Jahr dasselbe Ritual, aber immer wieder schön. H.P. Daniels

KLASSIK

Sumpfblüten: Okko Kamu

und das Konzerthausorchester

Im finnischen Nationalepos Kalevala findet sich die eindringliche Episode, in welcher der Zaubersänger Väinämöinen den jungen Juokahainen, der ihn zum Gesangswettstreit herausgefordert hat, bis zum Kinn in den Sumpf singt. Kenner der Mythologie unter den Zuhörern im ausverkauften Konzerthaus beschleicht darum etwas Angst, als der junge Pianist Henri Sigfridsson ankündigt, er werde als Zugabe zu Griegs Klavierkonzert auch noch ein Stück von Sibelius spielen. Damit setzt sich Sigfridsson dem unmittelbaren Vergleich mit einem legitimen Nachfolger Väinämöinens aus: Es ist der Dirigent Okko Kamu, den Karajan einst als Partner für seine Gesamteinspielung der Sinfonien von Sibelius auserkor. Und Kamu steht schon bereit, um nach der Pause zusammen mit dem Konzerthausorchester die selten gespielte siebte Sinfonie sowie die Tondichtung „Tapiola“ des finnischen Meisters vorzustellen. Doch aus dem vermeintlichen Wettstreit wird ein Zeichen der Verbundenheit. Wenn Sigfridsson das an Salonmusik grenzende Gelegenheitswerk „Die Fichte“ mit rauborkigen Bassmelodien sowie hoch differenziertem figuralen Beiwerk zum Meisterstück aufwertet, scheint er zugleich zwei prägende Stärken Kamus auf den Klavierklang zu übertragen: die Fähigkeit, große Strukturen auf der Basis eines dunkel gefärbten, aber immer geheimnisvollen und darum nie süßlichen Gesangs aufzubauen. Und geräuschhafte Naturlaute und abstrakte Motive zur Einheit zu verschmelzen.

Merke: Im Sumpf verschwindet, wer Sibelius für einen schlechten Komponisten hält. Carsten Niemann

KLASSIK

Wirbelwinde: Artemis-Quartett

im Kammermusiksaal

Als edelste aller klassischen Gattungen gilt das Streichquartett, deren Krönung wiederum Beethovens Werke darstellen. Schon mit dem ersten Abend seines Beethoven-Projekts im Kammermusiksaal zeigt das Artemis-Quartett, dass es in einer Reihe mit den großen alten Interpreten – Juilliard, La Salle, Amadeus – steht. Auch wenn alles ganz anders klingt. Von den Spezialisten der historischen Spielweise haben Geigen und Bratsche das Musizieren im Stehen übernommen. Das schenkt dem Ensemble eine unerhörte Beweglichkeit, die auch in rasantesten Tempi filigrane Transparenz ermöglicht. Dem frühen B-Dur-Quartett op. 18 Nr. 6 haften so in aufgerautem, vibratoarmem Klang noch Spuren von Sturm und Drang an. Dem stehen allerdings die weicheren Töne des zweiten Themas gegenüber – Vorboten der Romantik, wie sie auch nach der Pause im Allegretto des dritten “Rasumowsky”-Quartetts auftauchen, einer dunkel gefärbten Mendelssohn-Serenade. Auch op. 135 in F-Dur, Beethovens letzte Aussage zu diesem Thema mit unendlichen Variationen, steckt voller Überraschungen: die plötzlichen Stimmungsumschwünge im Kopfsatz, die kargen Unisono-Anklänge an die „Ode an die Freude“, das harmlos-verspielte Finalthema, das den Aufschrei des „Muss es sein?“ und den Befreiungsschlag des „Es muss sein!“ konterkariert. All das in so frischer Zeitgenossenschaft, als tropfte noch die Tinte aus Beethovens Manuskripten – in einer atemberaubenden Virtuosität zumal der wirbelnden Finalsätze, die die von der Handschrift des Meisters geplagten Zeitgenossen kaum aufbringen konnten. Isabel Herzfeld

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