Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Große Gesten: Albrecht Mayer im Kammermusiksaal

Große Interpreten gibt es viele: Aber wer kann schon von sich sagen, dass er die Geschichte seines Instrumentes beeinflusst hat? So wie der Oboist Albrecht Mayer: Er hat die Oboe singen gelehrt wie kaum einer vor ihm und nur wenige neben ihm. Mehr an Mozartstimmen und der historischen Aufführungspraxis als am Belcanto der Romantik geschult, verbindet er Leichtigkeit und schier unglaubliche dynamische Differenzierungskunst mit innigster Ausdruckskraft. Weil das hergebrachte Solorepertoire dieser neuen Lust am Singen nicht genügt, ist es nur konsequent, dass er zu Bearbeitungen von Vokalwerken bekannter Komponisten greift und so den entscheidenden Sprung vom Großmeister seines Fachs zum Star vollführt.

Mayers Auftritt im Kammermusiksaal, bei dem er nicht nur Ausschnitte aus seinem neuen Bach-Album, sondern auch das ganz auf seine Bedürfnisse zugeschnittene neue Oboenmodell der Gebrüder Mönnig vorstellt, wird zum verdienten, erwarteten Triumph. Und doch wirkt Mayer, als genügte ihm der intensive Kontakt, den er als Interpret zum Publikum herstellt, noch immer nicht: Warum sonst würde er sich die Oboe nach einem überirdisch zarten Schlusston mit hohlem Pathos vom Munde reißen? Und warum sonst sollte er sich bemüßigt fühlen, die Festival Strings Lucerne in den Zwischenspielen mit riesigen Gesten anzufeuern, wo doch das gleiche Ensemble zuvor ganz ohne Dirigent zwei hinreißend präzise und transparente Interpretationen von Mendelssohns frühen Streichersinfonien hingelegt hat? Auch wenn Mayer die Oboe zu ihrem Vorteil verändert hat: im Grunde ihres Wesens wird und darf sie ein dezenter Star bleiben. Carsten Niemann

KUNST

Lächelnde Fische: Jårg Geismar im Japanisch-Deutschen Zentrum

Authentisch ist am Japanisch-Deutschen Zentrum in Dahlem wenig – was die Architektur betrifft. Es gibt ein paar Zitate asiatischer Provenienz, gläserne Schiebetüren, schlanke Gartengräser und einen Willen zu reichlich Tageslicht in den Büros. Jårg Geismar hat es genügt, um sich an seine Aufenthalte in Tokio zu erinnern. An eine Stadt, die ebenfalls viel Einblick erlaubt und den Einzelnen hinter Glas sichtbar macht, ihn aber auch isoliert wie einen Fisch in seiner Kugel zeigt. „Aquarium“ nennt der Künstler nun seine Intervention im und um den Berliner Flachbau herum (Japanisch-Deutsches Zentrum, Saargemünder Str. 2, bis 15.1.;vom 18.12.-3.1. geschlossen). Leuchtende Fische im XXL-Format schweben zwischen immergrünen Pflanzen. Einer von ihnen hat sich ins gläserne Treppenhaus verirrt. Die zarte Struktur dieser Tiere aus Neonschrift setzt sich im Innern des Hauses fort. Hier zeigt Geismar, der sich Tokio in unermüdlicher Fußarbeit erlaufen hat, zahllose fotografische Impressionen der Millionenstadt: Menschen auf der Straße, im Park, beim Lunch oder Hanami-Picknick, Frisuren, Schuhe, Beine, Gehwege. Tokio setzt sich aus Hunderten von Bildern zusammen, die wie Filmstreifen miteinander verbunden sind und an jedem vorbeiziehen, der sich seinerseits durch die Ausstellung bewegt. Dass man dabei – unsichtbare – Spuren hinterlässt, daran erinnern jene handschriftlichen Notate, die der Künstler auf zahlreichen Fotos vornimmt. Immer wieder formen die absichtlich ungelenken Rotstiftzeichen einen lächelnden FischChristiane Meixner

KLASSIK

Klopfende Bässe: Michael Gielen dirigiert die Staatskapelle

Wer Bruckner kennt, der ist an die Generalpausen zwischen den Themenblöcken wahrlich gewöhnt. Und doch gibt es eine Zäsur, die wie eine Schrecksekunde wirkt. Sie steht zwischen einem Orchesterfortissimo und dem Themeneinsatz der Soloflöte dolce im Finale der ersten Symphonie. Michael Gielen dirigiert die Staatskapelle in der Philharmonie, und seine Interpetation weist darauf hin, dass der junge Bruckner (auch in der gespielten Wiener Fassung) ein anderer ist als der des breit weihevollen Adagios und des religiösen Sentiments. Gerade der langsame Satz spricht nicht die kontemplative Sprache des späteren Bruckner. Wildheit, Kontraste, kein „Urnebel“, sondern präzis klopfende Bässe von Anfang an. Es ist schon typischer Bruckner von 55 Minuten, aber er klingt, was Werk und rhythmisch fordernde Wiedergabe angeht, im besten Sinn musikantisch.

Bei den Mahlerliedern aus „Des Knaben Wunderhorn“ erscheint uns heute der Humor von „Büble“ und „Dinterle“ zeitbedingt fern. Unheimlich bewegt aber „Das irdische Leben“ von dem Kind, das am Hunger stirbt. Hier hätte die Sängerin Petra Lang deutlicher vom Genrebild auf die Katastrophe zusteuern können. Hanno Müller-Brachmann lässt auf die Illusion von der Gedankenfreiheit im Kerker jene visionären Kriegslieder folgen, mit denen Mahler kritischer Zeitgenosse unserer Gegenwart bleibt. Angst, Marschieren, der Deserteur, der Galgen, der tote Soldat: „Bei meinem Schatz da wär’ ich gern“, Gesang in einer traurigen Geschichte. Sybill Mahlke

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