Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

KLASSIK

Butterweich: Ein Mozart-Abend mit Marek Janowski und dem RSB

Wer sich tatsächlich immer noch mit der Frage beschäftigt, wie viele Spitzenorchester sich Berlin leisten soll, kann die Antwort zum Beispiel bei Mozart finden. Einen ganzen Abend widmen ihm Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester im Konzerthaus: Am Ende, als die Schlussfuge der Jupitersinfonie makel- und kantenlos erklingt, wirkt das alles plötzlich wie eine belehrende Geste: Schaut her, so hört ihr Mozart nur bei uns! Schon die „Prager“ Sinfonie zu Beginn speist sich aus der Auffassung, substanzielle Schönheit gehöre unbedingt vor fragende Auseinandersetzung.

Interesseloses Wohlgefallen, wo man auch hinhört: im ersten Satz, wenn das Hauptthema exakt artikuliert, aber zu konturlos gestaltet wird, im Andante, wenn Mozarts harmonische Wagnisse allzu oft im butterweichen Tutti-Ton des RSB untergehen. Nicht schlimm also, dass Janowski bei den folgenden Konzertarien den Gestaltungsauftrag an die schwedische Sopranistin Camilla Tilling (hochschwanger, im blauen Mozart-look-alike-Samtmantel) abgibt. Klug hält sich das Orchester zurück, während Tilling im Rezitativ und Rondo KV 577 und in der „La finta giardiniera“ mit hauchdünnem Vibrato eine minimalistische Ästhetik schafft, die viel Aufmerksamkeit für kompositorische Details weckt, und dabei im Ausdruck sympathisch unaufgeregt und subtil bleibt.

Schließlich die Jupitersinfonie: Im Allegro entwickelt Janowski nun doch noch ein Gefühl für atmosphärische Abgrenzungen, macht Tongeschlechtwechsel kurzerhand zu Anschauungsfragen. Bereits im zweiten Satz aber erschöpft sich der Anspruch wieder in der Akkuratesse des Klangs. Mozart zum Genießen. Das ist richtig und gut – solange es in Berlin Alternativen gibt. Daniel Wixforth

KUNST

Täuschend echt: B.W. Baraschs

„Haut“ im Kleisthaus

Im Kleisthaus zeigt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales viel Haut: An Drähten hängt sie, aufgespannt, fleckig, gelb. Auf Gemälden klebt sie, zerknüllt, löchrig, braun. Täuschend echt sieht die Latex-Silikon-Masse aus, die der Künstler Bertolt Walter Barasch für seine sogenannte „Hautmalerei“ verwendet. Vor allem an den drei Installationen, die nebeneinander im Raum hängen. „Reich“, „Gandhi“ und „Oppenheimer“ heißen die Skulpturen, deren Haut – von Kopf bis Fuß – in Glaskästen ausgebreitet ist. Seltsam agil wirken die leblosen Hüllen, wenn ein Projektor Muster auf Bauch und Brust wirft, ein dumpfer Ton die ohnehin schaurig-schöne Stimmung noch steigert (Mauerstr. 53 in Berlin-Mitte, bis 9. Januar, täglich von 9 – 18 Uhr).

Ein Hauch von Körperwelten weht außerdem über den Kopf hinweg. Dort schwebt ein Mobile aus Haut. Mal blitzt darauf ein skizzierter Kolibri hervor, mal eine Ratte. Zwischen Faszination und Aversion taumelnd, stören den Betrachter auch Baraschs Collagen nicht mehr. Obwohl sie mit ihren Totenköpfen, Elfen und Halbnackten stark an Tattoostudios erinnern.

Doch spätestens ein Gemälde offenbart, was den Künstler bewegt: „Das cartesianische Lamm“ nämlich erzählt von der Schutzfunktion unserer Haut. Wie sie Gefühle, Sinne, Taten verbirgt, eigentlich den ganzen Menschen – mitsamt seiner Entwicklung.

Technologie und Schattenseite: Auf einer Zeichnung zwingt ein mechanisches Gestell eine Sekretärin an ihrem Computer zur aufrechten Haltung. Auf einer anderen Zeichnung flieht das berühmte „Napalm-Mädchen“ vor den amerikanischen Bombenangriffen im Vietnamkrieg. Seine Haut ist mit Verbrennungen übersät. Annabelle Seubert

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