Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Udo BadeltD

KLASSIK

Voller Glut: Das Weihnachtskonzert

in der Komischen Oper

Russland gilt als kaltes Land. Zu Weihnachten, wenn sich das Konzertpublikum gerne in eine Kindheit zurückträumt, in der die Winter angeblich noch richtige Winter waren, ist das genau das Richtige. Chefdirigent Carl St. Clair bestückt das Weihnachtskonzert des Orchesters der Komischen Oper Berlin dieses Jahr ausschließlich mit Tschaikowsky. Dessen Variationen über ein Rokoko-Thema op. 33 sind zwar vordergründig eine Hommage an einen westlichen Musiker, an Mozart, tatsächlich aber durchtränkt von genuin russischer Romantik. Felix Nickel, Solo-Cellist des Orchesters, beeindruckt bei den technisch ständig schwieriger werdenden Passagen mit brillanter Fingerfertigkeit, entringt seinem Instrument jedoch nur einen zurückhaltenden, wenig auffälligen Klang.

Sehnsucht nach einer Oper, die Tschaikowsky nie geschrieben hat, erfüllt den Hörer bei einem erst nach Tschaikowskys Tod komplettierten und selten aufgeführten Liebesduett, das Motive aus seiner Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ verarbeitet. Eine wirkliche Vereinigung wird es indes nicht: Tomáš Cerný singt gleichmäßiger als seine impulsive Partnerin Erika Roos, bleibt aber gerade deshalb in der Wirkung hinter ihrem kräftigen Sopran zurück. Einige exponierte hohe Töne meistert er zudem nur mit Mühe und nicht drucklos. Vollen Einsatz zeigen dann Carl St. Clair und das Orchester bei der Ballettsuite „Schwanensee op. 20a“: symphonische Fülle, dargeboten mit einem bis in die Pizzicati beseelten Klang, fein herausgearbeiteten Tempowechseln und solistischen Glanzleistungen (die Trompete im „Neapolitanischen Tanz“). Von russischer Kälte kann bei so viel musikalischer Glut keine Rede mehr sein. Udo Badelt

KUNST

Kunst im Deutschen Bundestag: Fotografien von Karl-Ludwig Lange

Das monumentale Mauerstück allein ist schon beklemmend. Wie es sich in das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus rammt, unterhalb der Bundestagsbibliothek und damit nahe der Stelle, an der die Spree früher Ost und West trennte. Die großformatigen Fotografien von Karl-Ludwig Lange machen das Ganze nicht besser. Im Gegenteil: „Die geteilte Stadt – Topographie der Berliner Mauer“ (Schiffbauerdamm, bis 9.5., Fr-So 11-17 Uhr), übrigens die erste Ausstellung im Raum des Mauer- Mahnmals, zeigt auf neun Schwarzweiß-Aufnahmen Einöde, Brachland und Melancholie. 1990 entstanden, dokumentieren sie gerade nicht den Alltag des Kalten Krieges, sondern sein Erbe. Zurück geblieben ist ein Wachturm, eine Gedenkstätte, Niemandsland. Die Menschen, die durch die städtische Wüste spazieren, gehen beinahe unter.

Lange, berühmt für seine Stadttopographien „Neugotik in Berlin“ oder „Berlin-Wedding“, fängt die Zerrissenheit besonders in einem Foto ein. Darauf teilt die Mauer nicht nur das Lichtbild in zwei Hälften, sondern auch zwei Welten. Schonungslos legt der Fotograf den scharfen Schnitt offen, der Berlin auseinander riss – links liegen Betonreste im Grenzstreifen, rechts fährt ein Junge Fahrrad. Nostalgie, oder gar Ostalgie, kommt hier bestimmt nicht auf. Zumindest in diesem Raum des Deutschen Bundestags geht es um die Wahrheit. Annabelle Seubert

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