Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Kalt: Die deutsch-skandinavische Jugendphilharmonie

Ja, es ist kalt. Wie ein Winterwunderland liegt der Tiergarten der Philharmonie gegenüber. Genau die richtige Zeit, um Musik aus dem Norden zu hören. Unter der Leitung ihres Gründers Andreas Peer Kähler bringt die Deutsch-Skandinavische Jugend-Philharmonie seit 34 Jahren immer Anfang Januar Musikstudenten aus 15 Ländern zusammen. Sie erarbeiten unter Anleitung von Profis aus Berliner Orchestern Werke des deutschen und skandinavischen Repertoires und präsentieren sie in der Philharmonie.

Eigentlich ein tolles Projekt, allein: Es bleibt noch Einiges zu tun. Obwohl technisch alles sitzt, stellt sich kein Klangereignis ein. Der Streicherapparat ist nicht präsent, spielt ohne Bodenhaftung, ein vor sich hin wogendes Klangmeer mit dünnen solistischen Einlangen des Konzertmeisters. Jede Instrumentengruppe, so die unangenehm plärrenden Posaunen in Jean Sibelius „Pohjolas Tochter“, will sich möglichst eindeutig zu Gehör bringen, ohne Rücksicht auf den Charakter des Ganzen. In der witzig gemeinten Uraufführung „Also blues Zarathustra“ von Achim Rothe nimmt die Bigband die Anspielungen auf Richard Strauss’ sinfonische Nietzsche-Dichtung eher schluffig. Auch aus dem Original spricht kein Zarathustra – die musikalische Spannung verplätschert, es fehlt das Feuer. Vielleicht war es draußen doch zu kalt. Udo Badelt

KUNST

Glücklich vereint: Der Filmemacher Owen Land in den Kunst-Werken

Film und Kunst, das ist schon lange eine feste Liaison. Bei der kommenden Berlinale wird die Sektion „Expanded Cinema“ sogar ihren festen Platz in einem Ausstellungshaus haben, der Temporären Kunsthalle, deren nächste Schau den Titel „Autokino“ trägt. Dass die beiden Partner es trotzdem nicht leicht miteinander haben, zeigt das geplatzte Filmprojekt der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die sechs Regisseure – darunter Atom Egoyan, Hal Hartley und Christian Petzold – ein Werk des Düsseldorfer Museums interpretieren lassen wollte. Zur Berlinale sollte Premiere sein; am Ende fehlte das Geld, da sich weder Film- noch Kunstförderanstalten zuständig fühlten.

Glückhaft vereint zeigen sich Kunst und Film dagegen wiederum in den Berliner Kunst-Werken, wo der Amerikaner Owen Land seine erste Einzelausstellung in Deutschland präsentiert (Auguststr. 69, bis 24. 1.; Di.–So. 12–19, Do. bis 21 Uhr). Der Pionier des strukturellen Films, bei dem die Mittel des Mediums durchdekliniert werden, tritt hier als historische Größe und Gegenwartskünstler zugleich auf: Zu sehen sind früheste Arbeiten aus den sechziger Jahren, die exakt das zeigen, was der Filmtitel verspricht: Teststreifen, Randbeschriftungen, Transportlöcher und Schmutzpartikel. Die große Halle aber ist seinem jüngsten Werk vorbehalten, dem Episodenfilm „Dialogues“ (2007–09), der 36 Stücke in Dialogform vorführt, bei dem zwei Schauspieler Owen Land darstellen, den visuellen und den literarischen. Das Ergebnis ist eine herrliche Schlingerfahrt durch die mythische, theologische, philosophische, pornografische Themenwelt, akustisch konterkariert durch ein Potpourri, das von Neuer Musik bis zum Popsong reicht. Und doch bleibt sich der heute in Los Angeles lebende Filmemacher treu. Indem er Bild gegen Ton, Trash gegen intellektuelle Auseinandersetzung ausspielt, setzt er in schönster strukturalistischer Manier klar die Bestandteile des Films gegeneinander ab. Verwirrung kann auch erhellend wirken. Nicola Kuhn

KLASSIK

Auf CD: Alban Gerhardt  spielt Prokofiew

Mit seinem 1938 uraufgeführten Cellokonzert in e-Moll op. 58 war Sergej Prokofiew nicht zufrieden. Deshalb arbeitete es der Komponist zwölf Jahre später zum „Symphonischen Konzert“ op. 125 um. Wenn der Berliner Cellist Alban Gerhardt nun beim CD-Label Hyperion eine Einspielung beider Konzerte vorlegt, dann ist das viel mehr als ein äußerst interessanter Einblick in die Werkstatt des Komponisten.

Op. 58 kommt schnell zu Sache, wenn das Solocello bereits im zweiten Takt des Andante auf den Achtelpuls des Tutti in hoher Lage einsetzt. Alban Gerhardts Ton ist flexibel und intensiv, selbst virtuoseste Passagen im stachligen, dahinrasenden Allegro giusto musiziert er so präzise wie klangvoll. Am Ende des etwas zusammengeklebt wirkenden Variationssatzes lässt er das Cello in höchster Lage hysterisch werden, bevor das Tempo eigenartigerweise von Prokofiew nochmals herausgenommen wird.

Besonders dieses Finale ist im „Symphonischen Konzert“ op. 125 homogener; das wache Bergen Philharmonic Orchestra (Leitung: Andrew Litton) und der Solist sind eng miteinander verzahnt. Auch hier staunt man über Gerhardts ausgezeichnete Intonation selbst in schwierigsten Doppelgriffpassagen, über seinen beseelten Ton und über die enorme Musizierlust der Akteure.Georg Rudiger

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben