Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Beschwingt: „Weltblech“  im Kammermusiksaal

Schon die Einführung ist klingend. Im Foyer der Philharmonie steht eine Berliner Blechbläserformation und gibt Gassenhauer wie Sinatras „New York, New York“ zum Besten. Von diesen Schunkelklängen beschwipst, muss man zu Beginn des Neujahrskonzerts von „Weltblech“ umschalten. Mit Brahms'' Spätwerk beginnt das elfköpfige Ensemble sein Programm im Kammermusiksaal. Die mit intellektueller (Selbst-)Reflexion durchtränkten Klavierstücke Op. 119, arrangiert für Blechbläser. Weltblech spielt gekonnt mit Brahms'' harmonischen Umfärbungen, nuanciert im Intermezzo Nr.2 Gratwanderungen zwischen Vortasten und Fortschreiten. Dann der nächste Kulturschock. Kurt Weills „Kleine Dreigroschenmusik“. Schnell wird klar: Weills folkloristische, mit Irritationen und Brüchen überladene Musik eignet sich perfekt, um die Stärken versierter Blechbläser herauszustellen. Von der fein das Thema umspielenden Trompeten-Ornamentik im „Anstatt-Daß-Song“ bis zur sehnsuchtstriefenden Hornthematik in der „Tango-Ballade“ glänzt hier alles so, dass man sich stellenweise mehr Mut zur Hässlichkeit wünscht. Nach der Pause geht es weiter Richtung U-Sphäre: Einer Suite des ungarischen Jazz-Gitarristen Ferenc Snétberger mit virtuosem Solo-Vibraphon (Barry Jurjus) folgen zwei Edith Piaf-Chansons: mittelschwere und leichte Unterhaltung, die ihren hohen technischen Ansprüchen gleichwohl treu bleibt. Daniel Wixforth

KUNST

Verrätselt: Das Interviewbuch „Aus Künstlersicht“

John Armleder hat wenig für Fragen übrig, die es grundsätzlich wissen wollen. „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“ ist so ein Ungetüm, auf das man von ihm keine seriöse Antwort erwarten darf. „Ich bin recht kurzsichtig und habe vor einiger Zeit meine Brille verloren...“ erklärt er im zweisprachigen Interviewbuch „Aus Künstlersicht“ (deutsch/englisch, 244 S., Kerber Verlag, 24,80 €). Und dass Scotts Expeditionshütte am Südpol sein Lieblingsmuseum sei – weil es dort keinen Staub gibt. Natürlich reagieren nicht alle 51 Künstler, die vom Berliner Galeristenpaar Harriet Häußler und Aeneas Bastian über ihre Arbeit, Inspirationsquellen und Vorbilder befragt worden sind, so bissig ironisch. „Kunst ist die Zukunft des Glaubens“ meint etwa Terence Koh. Das klingt schön rätselhaft. Zugleich aber hofft der Künstler, dessen Name für schräge Performances steht, „im Laufe der nächsten zehn Jahre zu sterben“, um nicht mehr so viel über den Tod nachdenken zu müssen. Koh ist Jahrgang 1977 und Zweifel am Wahrheitsgehalt solcher Aussagen angebracht. Man muss sie aber auch nicht als Sabotage des Anliegens von Häußler und Bastian lesen. Vielmehr reflektieren die Kommentare die Schwierigkeit, Künstler wie Elmgreen & Dragset, Ai Weiwei, Robert Longo oder Candice Breitz unter ein Dach zu bekommen. 13 identischen Fragen sind die größtmögliche Schnittmenge. Beide Seiten, die Verbindlichen wie die Verweigerer, machen das Buch lesenswert. Christiane Meixner

KLASSIK

Sauber: Die Akademie  für Alte Musik im Konzerthaus

Im Konzerthaus richtet die Akademie für Alte Musik eine brillant klingendes Bewerbungsverfahren aus; sie spielt Musik jener Männer, die 1722/23 für den Posten des Leipziger Thomaskantorats im Gespräch waren. Telemann war darunter, der vielleicht nur sein Gehalt in Hamburg hochpokern wollte, Johann Friedrich Fasch, der zur selben Zeit nach Zerbst abgeworben wurde, der Darmstädter Hofkapellmeister Christoph Graupner, den sein Dienstherr nicht freigeben würde, und schließlich Bach, der die Stelle am Ende bekam.

Nicht die Bewerbungswerke selbst erklingen jedoch, sondern zum Beispiel Graupners Sinfonie mit zwei Hörnern, die papieren tönende Repetitionen ins Geschehen mischen und Faschs „Ouvertüre für zwei Oboen, zwei Fagotte, Streicher und Basso continuo“ blass aussehen lässt. Telemann wiederum gibt sich in der „Ouverture des Nations anciens et modernes“ uneinholbar erfindungsreich, zumal in dem ungalanten, von Schleiffiguren und beuligen Skalen geprägten Satz „Die alten Frauen“. Ein Kuriosum stellt auch sein „Konzert für vier Violinen“ dar, dessen Mittelsatz besonders gefällt, weil sich die Geigen hier die Töne reichen wie Blumen. Und weil so sauber intoniert wird – kein leichtes Unterfangen bei so wenigen Tönen auf alten Instrumenten. Fast fällt gegen all das der Sieger der Prozedur ab, Johann Sebastian Bach, der mit einer eher misslungen zu nennenden Bearbeitung zu hören ist, die Václav Luks vom „Italienischen Konzert“ angefertigt hat. Christiane Tewinkel

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