Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Annabelle Seubert

KUNST

Blitzblank: Das Bauhaus ist

ins Bauhaus-Archiv zurückgekehrt

Der Stahlrohrstuhl ist Programm. Mit Armlehne oder ohne, mit Flechtung, Stoff, Leder oder Cordbezug: Er bedeutet Bauhaus. Und sollte laut Bauhaus-Gründer Walter Gropius haltbar, billig und schön sein. Billig wirkt er allerdings nicht, wie er da in sämtlichen Größen und Farben im Bauhaus-Archiv steht, das nach längeren Bauarbeiten wieder seine Türen geöffnet hat (Klingelhöferstr. 14, Mi-Mo 10-17 Uhr). Vielmehr glänzt und blitzt alles, ob Möbel oder Modell. Feiner Palisander hier, akkurate Entwürfe dort. Dazwischen viel Unerwartetes: gold schimmernde Teedosen, bunt akzentuierte Bühnenbilder, blank polierte Tierskulpturen. Produkte aus Keramik- und Metallwerkstatt stehen Gemälden von Lyonel Feininger gegenüber, Werbeplakate dem Nachlass des Bildhauers Josef Hartwig. Eine Sonderausstellung zeigt „Bauhäusler mit der Kamera“ (bis 15. 2.). Mal fotografierten sie sachlich-nüchtern jene Objekte, die am Bauhaus entstanden, mal experimentierten sie mit Überbelichtung und Perspektive. László Moholy-Nagys berühmtes Doppelporträt von sich und seiner Frau gibt eine Ahnung jener Irritationen, die der Ungar bei seinen Studenten auslöste. Von Konventionen hielt das Multitalent wenig und wurde prompt zum Vorbild vieler Fotokünstler. Annabelle Seubert

KLASSIK

Gottesfürchtig: Das DSO spielt

in der Philharmonie

Wie ein felsiger Solitär steht Bruckner im romantischen 19. Jahrhundert. Die bildungsbürgerliche Vorstellung eines Genies, das seine Eingebung in ewige Notenform gießt, trifft auf ihn am wenigsten zu. Er war ein Zweifler, der mehrere seiner Symphonien umgearbeitet hat und damit das Wesen von Musik als Zeitkunst, die in der Interpretation immer wieder neu und anders aktualisiert werden muss, ahnungsvoll erfasst hat. Herbert Blomstedt weiß um die Gleichrangigkeit der verschiedenen Versionen. In den letzten beiden Spielzeiten hat er beim Deutschen Symphonie-Orchester bereits Bruckners Neunte und Dritte dirigiert. Bei der Zweiten entschied er sich jetzt für die erste Fassung von 1871/72, in der die motivischen Blöcke stärker durch Pausen voneinander getrennt sind.

Ein mit dem Silberstift gezogener Streicherklang, dynamische Kontraste, durchschlagend unisono gestaltete Zäsuren und ein eindrücklicher Nachklang prägen die Interpretation in der Philharmonie. Der langsame dritte Satz gerät, vor allem im sanft schimmernden Hornsolo, zärtlich, katholisch, gottesliebend. Die Spannung des schnellen Finales entlädt sich in Donnerschlägen. Solche gewaltigen Werke kann man nur mit ihrem totalen Gegensatz kombinieren. Vor der Pause spielt Martin Helmchen das selten aufgeführte zweite Klavierkonzert von Mendelssohn-Bartholdy brav, flink, ohne Willen zur Aussage. Von romantischen Gefühlsstürmen ist wenig zu spüren. Das ist schade, denn so wird das Werk zur Vorspeise von Bruckner, obwohl es mehr sein könnte. Udo Badelt

THEATER

Fleißig: Lars Gustafssons „Bienenzüchter“ bei den Vaganten

In der gestörten Beziehung von Herr und Hund beginnt die Geschichte um eine unheilbare Krebserkrankung. Lars Gustafsson lässt in seinem 1978 erschienenen Roman „Der Tod eines Bienenzüchters“ seinen Helden Lars Westin über die plötzlich auftretenden Nierenschmerzen berichten, über einen Kampf gegen den Feind im eigenen Körper. Nicht zufällig trägt der pensionierte Volksschullehrer und Bienenzüchter den gleichen Vornamen wie der Autor. Gustafssons Romane bergen immer autobiografische Züge, besonders in der Pentalogie „Risse in der Mauer“, deren letzter Teil „Der Tod eines Bienenzüchters“ ist. Es geht um die Frage, wie das Ich einen neuen Zugang zur Wirklichkeit finden kann. Bei Lars Westin, dem Einsamen, löst der Schmerz als „einzige Wahrheit“ diesen Wandlungsprozess aus, dieses Finden zu einer anderen, höheren Identität, die auf dem trotzigen Nein zur Gegenwart Gottes beruht. Für die Berliner Vaganten hat Martin Jürgens den Roman zu einem neunzigminütigen Monolog verdichtet (Bühnenbild: Olga Lunow).

Monolog? Das stimmt nicht ganz. Auf der Bühne steht ein Schauspieler, der den Bericht des Bienenzüchters referiert, memoriert, zu spielen versucht, und doch zugleich selbst der Bienenzüchter ist. Eine Theaterprobe, mit einem unsichtbaren Techniker, verschmilzt mit dem unmittelbares Erleben existentieller Bedrohung. Wie Martin Molitor das spielt, ist atemberaubend. Sensibel und souverän in jeder Nuance, in der Balance zwischen ungeduldigem Probenton und tiefstem Erschrecken, zwischen trotzig-flüchtiger Heiterkeit und staunendem Ernst. Die raffinierten Brüche der Figur und des Berichtes verschweißt der Schauspieler mit Leichtigkeit und Anmut, meidet jede Gefühligkeit und wahrt dabei hohe emotionale Spannung, oft im direkten Kontakt mit dem Publikum (wieder am 9. Januar, 20 Uhr. Gustafsson liest am 10. Januar um 11 Uhr aus dem Roman). Christoph Funke

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