Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

POP

Handicaps ohne Nachteile:

Station 17 in der Volksbühne

Nach fast 20 Jahren Bandgeschichte stand Station 17 vor dem Aus. Das Hamburger Projekt aus geistig behinderten und nichtbehinderten Musikern hatte sich an der eigenen Intensität verzehrt. Doch die Idee lebt weiter: In der Volksbühne wird zunächst Eike Swobodas Film „Station 17: neu“ gezeigt, der die Entstehung der „Goldstein Variationen“ dokumentiert, für die eine runderneuerte Crew mit Gästen wie Fettes Brot, Guildo Horn oder Ted Gaier Stücke erarbeitete. Doch das eigentliche Biotop der Truppe ist die Konzertbühne. Die von rührender Schüchternheit bis zu exaltierten Rampensauqualitäten reichenden Temperamente der sechs gehandicapten Akteure verleihen den Songs ihr Flair: So ist „Geister“ ein Juwel zwischen kreatürlichem Grusel und „Hui Buh“-Späßen, „Ohne Regen kein Regenbogen“ ein Discofox-Kracher. Vielleicht erfüllen die vier nichtbehinderten Musiker ihre Leitungsfunktion etwas zu perfekt: Die groovenden Instrumentals lassen zwar Raum für launische Improvisationen ihrer Kollegen. Man könnte aber die minimalistischen Gitarren-Licks von Felix „Ernesto“ Schnettler oder das Georgel von Sebastian Stuber nicht nur zum Ornament, sondern zur schrägen Grundlage der Musik machen. Andererseits würde man dann Ohrwürmer wie „Lass das mal den Felix machen“ verpassen, bei dem Schnettler lustvoll gegen lästige Pflichten der Heimordnung ansingt. Den stürmischen Beifall nehmen die Station-17-Performer mit der Grazie alter Hasen entgegen. Jörg Wunder

KLASSIK

Alt plus neu: Stummfilmmusiken

mit dem Ensemble ascolta

Warum sollte man René Clairs Stummfilm „Entr’acte“ neu vertonen? Reicht es nicht, Erik Saties Filmmusik von 1924 zu spielen? Das Ensemble ascolta und sein Leiter Titus Engel sagen Nein. Schließlich arbeiteen sie mit arte und ZDF an einer ganzen Reihe mit Neuvertonungen von Stummfilmen. So führt man „Entr’acte“ beim Gastspiel im rappelvollen Werner-Otto-Saal zusätzlich mit der Neukomposition von Martin Smolka auf. Außerdem präsentiert man Walter Ruttmanns „Lichtspiel op. 1“ (1924) sowie Hans Richters „Vormittagsspuk (1928) mit je zwei Neuvertonungen sowie „Un chien andalou“ von Buñuel / Dalí mit einer neuen Komposition von Iris ter Schiphorst. Allein zu erleben, wie Smolka das gefühlte Tempo des Leichenwagenrennens in „Entr’acte“ so beschleunigt, dass es sogar für den heutigen Zuschauer schwindelerregend wirkt (da hilft unter anderem eine Ratsche aus Opas Trickkiste), spricht für das Potenzial neuer Filmvertonungen. Der Kosmos optischer, musikalischer und historischer Bezüge reicht von Carola Bauckhorsts textgetreuer Übersetzung von Ruttmanns abstrakten Körpern in Musik (wobei sie nur die Farben auslässt) bis zu Friedrich Schenkers autonom-distanzierter Parallelvertonung. Am Ende verlässt man das Konzerthaus und blickt irritiert auf. In der Vorhalle wird ein Vorhang vom Wind bewegt. Aber etwas fehlt. Ach so – die Musik! Carsten Niemann

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