Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Bach im Kammermusiksaal:  das Freiburger Barockorchester

Obwohl die Klassikwelt längst vollständig globalisiert ist, mutet es noch immer sonderbar an, wenn ein japanischer Dirigent die Hände zum Allerhöchsten hebt: zu Bachs Chorwerken, dessen Kantaten und Passionen unverrückbar in europäischen Traditionen zu wurzeln scheinen. So sehr, dass darüber die universelle Wirkungsmacht seiner Musik in Zweifel gezogen wird. Masaaki Suzuki gründete vor nunmehr 20 Jahren das Bach Collegium Japan und führte es mit unbeirrbarem Enthusiasmus zu einem staunenswert erfüllten Musizieren. Bach birgt eine Botschaft, die hungrige Geister nährt und inneren Frieden schafft, jenseits aller National- und Mentalitätsgrenzen – das ist Suzukis Vision. Ein milder Lehrer mit elegant wippendem Silberschopf, ein hellwacher Rhetoriker, der weit mehr aus dem Verständnis des Textes heraus gestaltet als viele seiner europäischen oder gar muttersprachlichen Kollegen. Oft arbeitet Suzuki mit dem Freiburger Barockorchester und dem Collegium Vocale Gent zusammen, und diese Vertrautheit trägt wesentlich zum entspannten Tourneestopp mit den Kantaten „Höchsterwünschtes Freudenfest“ und „Lass, Fürstin! Noch einen Strahl“ im Kammermusiksaal bei. Er präsentiert Bach als eifrigen Wiederverwerter der eigenen Kunst, als souveränen Stehgreif-Komponisten, der Fürstinnen beglückwünschen oder beerdigen kann, und dabei doch nur Einem untertan bleibt. Wenn man bei Suzukis Bach nicht eine Freiheit im Glauben spürt, dann ist man für Transzendentes in dieser Welt wohl verloren. Schwerelos treten die Solisten aus dem Chor heraus und kehren in ihn zurück: Erschütterung und Zuversicht, das A und O des Lebens. Ulrich Amling

THEATER

Verbotene Liebe: „Ayla, Alis Tochter“ am Atze-Musiktheater

„Ich weiß, deutsche Jungs sind tabu. Aber da kommt dieser Jasper und guckt mich mit seinen blauen Augen an. Ist das Sünde?“ fragt sich die 15-jährige Ayla und schickt ein Papierflugzeug in den Himmel. Zwangsheirat, Ehrenmord und Integration, diese Themen werden in der neuen Produktion „Ayla, Alis Tochter“ am Musiktheater Atze im Wedding (Luxemburger Str. 20) verhandelt. Das Stück von Autor und Intendant Thomas Sutter und Regisseurin Nicole Oder führt das jugendliche Publikum in die Welt der türkischen Community, wo Gefühle keine Privatsache sind. So kollidiert Aylas Liebe zu ihrem deutschen Mitschüler Jasper mit den traditionellen Vorstellungen der Familie. Zu „Beat-it“-Pop, türkischen Balladen, und groovigen Tanzszenen nimmt das Drama zwischen den Kulturen seinen Lauf.

Auf einer kargen Bühnenrampe (Wiebke Meier) tragen die in der Spannung zwischen Moderne und Tradition gefangenen Figuren ihre Kämpfe aus. Während Aylas Bruder Murat seine Schwester unter strenger Kontrolle hält, geht er selbst mit Cousin Hassan „scharfe Bräute“ aufreißen. Mit Witz und Energie spielt Hüseyin Ekici die Rolle des Halbstarken, der selbst schwach wird, als er der Minirock tragenden, deutschen Sarah begegnet. Dann fliegt Aylas Verhältnis auf, und aus der Dynamik familiärer Gewalt scheint es kein Entrinnen mehr zu geben. Zwar droht das Stück in der Akkumulierung von Klischees an Spannung zu verlieren, aber die Geschichte um Zwangsheirat und Selbstbestimmung bleibt ein brisanter Stoff (wieder am 24.1., 21.2., 23.2. und 7.3.). Nicole Köstler

PERFORMANCE

Bar jeder Vernunft: Joachim Król rezitiert den Dichter W.H. Auden

Joachim Król ist eigentlich ein großartiger Schauspieler, die Bar jeder Vernunft ein zauberhaftes Theater, Inga Lüning singt hell und warm. Der komponierende Pianist Andreas Schnermann mit Band macht versunkene, temperamentvolle Musik. Eigentlich sind W.H. Audens Gedichte bewegend schön. Warum wird aus der Summe solcher Teile nicht mehr, sondern weniger? Król läuft in die Lyrik-Falle des Mimen, der Texte mit Geste und Bedeutung zur Rolle auflädt. Doppelung Nr. 2: Manches Poem wird übersetzt rezitiert und englisch gesungen, was reizvoll wirkt, aber seine Wirkung reduziert. Die Musiker, Doppelung Nr. 3, untermalen Rezitation mit meditativem Soundtrack und verwandeln Verse in Songs. Sie stecken in der Jazz-Lyrik-Falle, die jeden erwischt, dem nicht klar ist, ob er Poesie begleiten oder nacherzählen will. Gleichwohl herrscht Wohlbehagen. Man wippt.

W.H. Auden (1907–1973), durch den „Funeral Blues“ in dem Film „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ hierzulande auch beim breiten Publikum populär geworden, ist mit eben diesem Gebiet für dieses Programm Pflicht (bis 17.1.). Sein Gedicht „At Last The Secret Is Out“ richtet den scharfen Blick des Romantikers backstage: Hinter der Erschöpfung, der Migräne, dem Seufzer, reinen Nonnenstimmen, dem Handschlag, dem Husten, dem Kuss gibt es immer die andere Story. Zwischen Worten und Akkorden, das ist der Trost der Abends, bleibt das Geheimnis zu entdecken. Thomas Lackmann

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