Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Leise Wunder: Bernard Haitink mit den Berliner Philharmonikern

Dieses Brahmsprogramm ist nur geeignet für einen Dirigenten, der kein Angeber ist. Bernard Haitink liegt Prahlerei am Pult von jeher fern. Seit Jahrzehnten ist er beliebter Gast der Berliner Philharmoniker und dirigiert nun die Dritte, die still ausklingt, diminuendo der hohen Streicher, pianissimo. Keine Apotheose, die frenetischen Jubel provozierte. Die Bewunderung ist konzentrierter. Haitink interpretiert in dieser Symphonie, dass die nachdenklichsten Momente der Musik die kostbarsten sind: Wie sich die Erregung besänftigt und in der Durchführung des ersten Satzes dem Hornthema Raum gibt. Und damit glänzt Stefan Dohr, weil der Maestro die Soli zu tragen weiß. Und erreicht eine pflanzenhaft natürliche Kantabilität und ist mit den Musikern so einig, dass jedes Pizzikato sorgsam aufgenommen wird.

Nach der Pause das Klavierkonzert Nr.1, das geeignet wäre, dem Solisten Radu Lupu zu gehören. So die ungewöhnliche Vortragsfolge. Zwiespältiger Eindruck: Sie spielen gut zusammen, die Philharmoniker und Lupu. Aber es erweist sich, dass die Aussagekraft seiner Soli von der des Orchesters überboten wird. Auf die symphonischen Kontraste, die Haitink betont, antwortet er mit verträumtem Espressivo. Auch im Adagio mit exzellenter Orchestereinleitung bleibt bei Lupu der zwingende Wille aus, trotz pianistischer Feinheiten. Haitink aber steht an diesem Abend für die leisen Wunder der Musik und ihre Frische. Sybill Mahlke

KLASSIK

Wechselnde Gefühle: Spanische Kammermusik im Otto-Braun-Saal

Die Klassik hatte es in Spanien immer schwer. Die beste „spanische“ Musik schrieben Franzosen: Bizet oder Debussy. Spanische Kammermusik, die im 19. Jahrhundert in den romanischen Ländern kaum vorhanden war, ist eine Rarität. Das entdeckenswerte Werk Joaquín Turinas hat sich das Duo Delgado/Schmidt auf die Fahnen geschrieben. Es entspricht in seiner spanisch-deutschen Konstellation der Publikumsmischung im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek. Der aus Granada stammende Geiger David Delgado, Mitglied der Staatskapelle Berlin, gibt dabei den leidenschaftlich-flexiblen Ton an, während sein Klavierpartner Stefan Schmidt die teutonisch robuste Grundlage bietet.

Zwei Seelen wohnen auch in der Musik Turinas: Der 1882 in Sevilla geborene Komponist erwarb die akademischen Weihen in der erzkonservativen „Schola Cantorum” bei Vincent d’Indy in Paris, liebäugelte trotzdem mit dem Impressionismus Debussys und wandte sich erst nach einer Begegnung mit Isaac Albeniz der Volksmusik seiner Heimat Andalusien zu. Die Programmfolge verdeutlicht diese Entwicklung: „El poema de la sanluqueña“ beschreibt mit melancholischen Melismen, wuchtigen Trauerakkorden und den Glockenklängen eines „Rosenkranzgebets“ die Liebesklage eines jungen Mädchens. Einen ganz anderen Abstraktionsgrad, voll hart gegeneinander geschnittener Themen in lakonischer Kürze, bietet die Violinsonate Nr. 1, 1929 ein Schritt in die Moderne. In den „Variaciones clasicas“ wiederum, 1932 im Todesjahr von Tarinas Tochter Maria entstanden, wechseln die Emotionen auf engstem Raum – hier besonders will der Komponist „von Liebe und Schmerz singen von der Ecke Andalusiens, die in alle Richtungen blickt“.Isabel Herzfeld

JAZZ

Taumelnde Töne: Sheila Jordan und Don Byron im Jazzwerkstatt-Café

Sie ist bezaubernd. Auf dem schwarzen Seidenanzug tanzen gemalte Blüten und sie trägt schwarze Federn im Haar. Die 81-jährige Sängerin Sheila Jordan und der Klarinettist Don Byron sind als Teil eines Quartetts um den Bassisten Cameron Brown unterwegs und stehen auf der Bühne des Jazzwerkstatt-Cafés in der Knesebeckstraße. Es ist so voll, dass zwischen Regalen Stehplätze eingerichtet werden. Die eigenwillige Sheila Jordan, die in den 40er Jahren Charlie Parkers Stücke sang und als die letzte Vertreterin des Bebop so viele Scatsilben in einen Ton füllt, dass er zu taumeln beginnt. Nur in den sehr hohen Lagen kommt sie ins Schlingern, und das Zerbrechen des Tons wird von der Klarinette Don Byrons aufgefangen. Der Klarinettist, der sonst ausschließlich konzeptuell arbeitet und zur wütend politischen Avantgarde zählt, übernimmt die langen Solopassagen, wie in dem wunderschönen „Giant Steps“ von John Coltrane. Und beschreibt dabei eine neue Form der Langsamkeit. Maxi Sickert

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