Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

POP

Leidensmann:

Peter Hammill im Quasimodo

Ausgemergelt wirkt Peter Hammill auf der Bühne des Quasimodo, wie ein Langstreckenläufer. Als Musiker, der in kein Schema passt, hat der 61-jährige Engländer inzwischen eine beachtliche Wegstrecke hinter sich. Genau 41 Jahre sind vergangen, seit Hammill sein erstes Album veröffentlichte: als Frontmann von Van Der Graaf Generator, die mit Keyboards, Saxofon und Hammills leicht bedrohlicher Stimme einen exorbitant düsteren Sound hatten. Während sich die Band mehrfach auflöste und wieder zusammenfand, hat Hammill 30 Soloalben veröffentlicht, zuletzt „Thin Air“ im letzten Jahr.

Heute sitzt er mit kurzen grauen Haaren und kantigem Gesicht, den Hemdkragen aufgestellt, am Konzertflügel. Da verbinden sich Jazzklänge, Kindermelodien, keltische Folk-Themen, avantgardistisch atonale Tonfolgen und gehämmerte Akkorde mit komplexen Gesangslinien. Was den Zuhörern einiges abverlangt. Denn wie seine wenig eingängige Musik, sind auch die Texte, die Hammill in distinguiertem Englisch vorträgt, nichts fürs entspannte Zuhören. Thematisch drehen sich diese Kunstlieder um die dunklen Seiten des Lebens: Angst, Einsamkeit, Trennungen, Krankheit, Trauer, Unwiederbringlichkeit. Dabei springt Hammill vom samtigen Bariton in ein geradezu hysterisches Falsett, um gleich wieder hinabzustürzen in dunkle Tiefen und sich von zarter Zerbrechlichkeit wieder aufzuschwingen zu aggressivem Kreischen. Zwischendrin wechselt Hammill zur akustischen Gitarre, singt seine Balladen zu schwirrenden Akkorden. Dann lächelt er: Er sei überrascht von der Songauswahl. Er entscheidet spontan. Nach anderthalb Stunden ist man wie erschlagen von der Intensität und Hammills todtraurigen Geschichten. H.P. Daniels

MUSIKTHEATER

Schachmatt: Marc Andres „...22,13...“ im Radialsystem

Sind dies noch Stimmen oder schon Echos vor dem Verstummen, die durch den dunklen Raum dringen? Ihre Worte verklingen meist unerkannt, doch das Wispern mit seinen Plosivlauten rinnt von den Wänden des Radialsystems wie Wasser in einer Tropfsteinhölle. Unaufhaltsam, unentrinnbar. Für seine Musiktheater-Passion „…22,13…“ hat der französische Komponist Marc Andre einen apokalyptischen Klangraum geschaffen, aufgeladen mit reich gespickten Assoziationspartikeln. Ingmar Bergmans Film „Das siebte Siegel“ mit seinem Pesthauch, seiner Sinnsuche und einer aussichtlosen Partie Schach mit dem Tod sickert in die Tonspuren ein, ebenso wie Garry Kasparows Rematch gegen IBMs Schachcomputer „Deep Blue“. Wie der Weltmeister 1997 dem Rechner unterlag, bildet die Struktur für Andres Oper: Der Abstand der Züge wird zum Gerüst der Musik, mit den länger werdenden Denkpausen Kasparows und den schneller fallenden Entscheidungen von „Deep Blue“. Sie peitschen wie Maschinengewehrsalven durch den Saal. Und natürlich immer wieder die Offenbarung des Johannes, die als einziges prophetisches Buch des Neuen Testaments die Bibel beschließt – und voller Rätsel bleibt. Marc Andre will sie nicht lüften, und er drängt seinen Zuhörern die Muster nicht auf, nach denen er seine oft betörend zarte, von tiefen Resonanzen lebende Musik arrangiert – souverän dargeboten durch das Ensemble „Work in progress“ unter Gerhardt Müller-Goldboom. Der Komponist, der sein Musiktheater als „Near-Death-Experiment“ versteht, pilgert zu den Grenzen unserer Bilderwelt. Einen Kontrapunkt dazu bildet das rituelle, sich selbst erschöpfende Bewegungsprogramm der sieben Tänzerinnen, die über Treppen wandeln, ewig. „Ich bin der Anfang und das Ende“: Schwer zu fassen für uns Sterbliche, aber nicht ohne sanften Trost (noch einmal am heutigen Sonntag, 20 Uhr). Ulrich Amling

KLASSIK

Vollmund: Thomas Sanderling

und das Konzerthausorchester

Das Thema Leidenschaft verbindet die Stücke. Sichtlich genießt Thomas Sanderling den Klang- und Bewegungsrausch, den er im großen Apparat des Konzerthausorchesters Berlin entfesseln kann. Der Begleitpart für Bartóks „Fünf Lieder auf Gedichte von Klára Gombossy” zwingt ihn allerdings zu differenzierter Zurücknahme. Die Autorin war eine junge Geliebte des Komponisten, der ihre schwärmerische und doch melancholisch vorausschauende Lyrik aufs Expressivste vertonte, nicht unähnlich dem, was Alban Berg um 1916 schrieb. Die Orchesterfassung, die Zoltán Kodaly diesen Klavierliedern 1961 gab, verschafft mit glühenden Tutti-Akkorden, sehnsüchtiger Klarinettenmelodik oder unruhigen Bratschengirlanden dem Aufgewühltsein dieser Musik größtmögliche Deutlichkeit. Der Solistin Stella Doufexis, die ihren eher schlicht gehaltenen Part wie gewohnt mit unbestechlicher Klarheit versieht, wird so fast die Schau gestohlen. Ihr warmer schlanker Mezzo schwimmt leuchtend auf dem Orchesterklang, und doch spielen sich die entscheidenden Seelenregungen im Instrumentalen ab.

Wagners „Siegfried-Idyll“, Frau Cosima zum 33. Geburtstag und zur Geburt des Sohnes geschenkt, leidet eher unter dem sinnlich-vollmundigen Klang. Mehr die emphatischen als die intimen Momente werden betont. In der Sinfonie Nr. 4 von Sergej Tanejew sind Klangpracht und Präzision des Orchesters gewiss aufs Äußerste gesteigert. Doch ist die Musik des Tschaikowsky-Schülers bei allem Aufwand über weite Strecken so konventionell, so wenig persönlich, dass aus ihr letztlich nur die Leidenschaft zum Kontrapunkt spricht. Isabel Herzfeld

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