Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Entdeckungsreise zu Beethoven:

Peter Ruzicka beim DSO

Es ist nicht die stärkste Leistung des Dichters Hofmannstal, die wir entbehren, wenn die Fantasie aus der „Frau ohne Schatten“ nur instrumental erklingt. Eine „Handgelenksübung“ des greisen Richard Strauss von 1946. Nun hat Peter Ruzicka versucht, der reduzierten Besetzung des Opernporträts die Weite des Originals zurückzugeben. Und siehe – es fehlt das Wort, wie es der Färber singt: „Mir anvertraut, dass ich sie hege ...“ Ruzicka hat die Klangfülle wiederhergestellt, ohne den spezifischen StraussKlang der Oper zu verteidigen. Eine effektvolle Partitur des Tüftlers Ruzicka.

Wie er Celan, Hofmannsthal, Hölderlin liebt, das bestätigt sein Oeuvre. In der Philharmonie dirigiert er, mehr mutiger Kapellmeister als Maestro, das Deutsche Symphonie-Orchester, als dessen Intendant er einst seine erfolgreiche Managerlaufbahn begann. Mit „Maelstrom“ für großes Orchester greift er auf „Hölderlin“ zurück: eher intellektuell als elementarisch, bis sich die wilde Gewalt legt und klares Wasser über der Tiefe ruht.

Eine Entdeckungsreise zu Beethoven: Mit erhabenen Takten kündigt die Ouvertüre zu „König Stephan“ Theatermusik für ein Schauspiel von Kotzebue an, das niemand mehr kennt. Das erste Klavierkonzert Beethovens indes gehört ganz der Wunderkraft der Solistin Elena Bashkirova. Es darf gesagt werden, dass sie mehr Interpretin als Virtuosentyp ist. Optisch wirkt sie, hantierend mit Noten und schwarzen Schleiern, wie ein äußerst unruhiges Bündel Musik. Aber ihr Spiel: Varianten des Ausdrucks, Klarheit, kräftige Deklamation und Schwebungen dynamischer Werte – eine ungewöhnliche Verbindung von Innenspannung und Goldklang. Sybill Mahlke

THEATER

Charmant: „Gut gegen Nordwind“

in der Kudamm-Komödie

Ein vertauschter Buchstabe im Adressfeld ist schuld, dass Emmi Rothners E-Mail statt bei einem Zeitschriftenverlag im Postfach des Sprachpsychologen Leo Leike landet. Ihr Abo wird die Frau vorerst nicht los, dafür gewinnt sie einen Zufallsbrieffreund. Schnell entwickelt sich aus dem beiderseits schlagfertigen Tippfehler-Geplänkel ein immer innigerer Austausch via World Wide Web. Mit dem Schritt aus der Anonymität ihres Schriftverkehrs aber tun Emmi und Leo sich schwer. Hunderttausende Leser begeisterten sich an dieser Computer-Romanze, die Daniel Glattauer als „Madame Bovary“-Variante in vernetzten Zeiten unter dem Titel „Gut gegen Nordwind“ ersann. Zusammen mit Ulrike Zimmer hat der Autor selbst eine Bühnenfassung seines Elektrobrief-Romans erstellt, die nun in der Regie von Rüdiger Hentzschel auch in der Komödie am Kudamm eine frenetisch beklatschte Premiere feierte (bis 4. April).

Es ist eine der besten Kudamm-Produktionen seit langem. Tanja Wedhorn als verheiratete, sprunghafte Emmi sowie Oliver Mommsen als beziehungsversehrter Leo sind ein Bühnenpaar, das die Funken sprühen lässt, ohne einen Blick zu tauschen – geschickt werden ihre getrennten Wohnungen durch Lichtwechsel markiert. Die Inszenierung setzt ganz auf das Tempo des postalischen Ping-Pong-Dialogs, besitzt den Charme einer gut geölten Hollywood-Lovestory. Freilich ohne Happy- End-Gewissheit. Mittlerweile existiert von „Gut gegen Nordwind“ nämlich eine Fortsetzung. Patrick Wildermann

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