Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Harfen und Eisen: Vereinte Klassik im Kammermusiksaal

„Mit seinen musikalischen Interventionen“, heißt es im Programmheft, habe sich der palästinensische Komponist Samir Odeh-Tamimi „zwischen alle Stühle gesetzt“. Tatsächlich? Sind denn nicht genug westeuropäische Veranstalter Stuhlpaten für junge Komponisten, die bereit sind, auf dezente Weise an einen gegenwärtigen Konflikt zu erinnern? Odeh-Tamimis neueste Komposition „Philakí“ (Gefängnis), die vom Horenstein-Ensemble im Rahmen der Reihe „Vereinte Klassik“ im Kammermusiksaal uraufgeführt wurde, macht es sich jedenfalls zwischen politischer Assoziation und absoluter Musik bequem. Man kann aus den Streichereinwürfen Schreie heraushören, muss es aber nicht. Und dass die Musiker am Ende liebevoll auf Eisenfedern einhämmern, kann man sogar als komponiertes Stockholm-Syndrom auffassen, bei dem sich die Gefangenen mit ihrem Gefängnis versöhnen. Man kann aber auch zu dem Schluss kommen, dass es dem Komponisten nicht gelingt, eine Beziehung zwischen harschen Harfenklängen und wohltönendem Eisenfederndreschen herzustellen.

Gewinner des Abends sind daher die charismatische Flötistin Silvia Careddu und später Mozart. Dessen Klarinetten-Quintett KV 581 spielt das aus Mitgliedern des Konzerthausorchesters gebildete Kammerensemble mit derart empfundener Ehrfurcht, dass die eine kleine intonatorische Unsicherheit so charmant wirkt wie das Stottern eines Verliebten. Carsten Niemann

KLASSIK

Italienische Verlockung:

Danielle de Niese im Konzerthaus

Danielle de Niese sieht so aus, wie sich Marktstrategen das neue Gesicht der Klassik vorstellen: strahlend, natürlich, sinnlich und dazu mit einem exotischen Teint. Nie würde man auf die Idee kommen, in der amerikanischen Sopranistin mit den unübersehbaren Popstar-Qualitäten eine Bewohnerin des Elfenbeinturms zu vermuten. Flugs wurde de Niese zu einem der „sexiest sopranos ever to set foot on stage“ ausgerufen. Im Konzerthaus tritt sie zusammen mit der italienischen Barockformation „Il Giardino Armonico“ auf und singt Händel-Arien – und zwar nicht nur die, die ihre aktuelle CD zieren. Wer Ohren hat, erlebt sogleich, dass diese junge Gesangskarriere nicht im Castingstudio entstanden ist. In de Nieses Stimme schwingt eine Tiefe und Weite mit, gegen die jeder schöne Augenaufschlag bloß niedlich ist.

Berührend auch die Freiheit, mit der sie Händels Arien angeht: nicht als auf Reduktion bedachte Puristin, nicht als affektgetriebene Tragödie, sondern immer mit einem Fuß über dem Boden schwebend, bereit aufzubrechen in heiterere Gefilde. Die Musiker von „Il Giardino Armonico“ erweisen sich dabei als ideale Reisebegleiter. Unter der beschwörenden Leitung von Giovanni Antonini geben sie eine Lehrstunde gestischen Musizierens, lassen aus jeder Note Welten entspringen. Händels Concerto grosso g-Moll op.6 Nr. 6 entwickelt so seidige Pracht und lebenspralle Italianità. Ulrich Amling

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