Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Zauber: Bernhard Haitink und

die Berliner Philharmoniker

Längst gibt es eine Dissertation über Musikkritik und Metapher, und wenn dort nicht so breit ausgewalzt wäre, wie Feuilletonisten Natur und Kulinarik strapazieren („er servierte einen gut abgehangenen Beethoven“), könnte man über die Berliner Philharmoniker unter Bernard Haitink sagen: ein Sandwich mit faden Außenscheiben und einem wunderbar nahrhaften Innenstück. Das klingt aber schlecht und kommt der Sache nicht näher.

Also lieber anders. Zuerst spielen die Philharmoniker die einst bei György Kurtág bestellte Grabsteinmusik „Stele“ (1994), doch längst nicht so inspiriert, so überlegen und mysteriös unterkellert wie bei der letzten Aufführung 2006. Es folgt Brahms’ Violinkonzert, und zunächst will dieser Abend weitergehen wie gehabt, klassische Musik vor fast ausverkauftem Saal, ein Stück, das die Philharmoniker gefühlte 522 Male gespielt haben: die schöne Aura des Erwartbaren. Da tritt der Geiger Frank Peter Zimmermann auf den Plan. Hoppla, jetzt kommt er, denkt man, oder: Jawohl, lasst ihn endlich ran.

Denn Haitink verschwindet gleichsam, und Zimmermann übernimmt. Zieht an den Stimmgruppen, setzt seine Phrasen scharf und intelligent, duldet kein Fett, entwickelt ein wie Schellack glänzendes Timbre, warm und intensiv. Spielt einen aufsehenerregenden ersten Satz, mit einer Kadenz, nach der man zurückkehrt wie von einer langen Reise. Jonathan Kelly leitet das Adagio mit einem Oboensolo ein, gegen das in seiner überweltlichen Schönheit kaum ein Ankommen ist. Und Zimmermann spielt diesen Satz abermals nicht süß, zieht sich sogar zurück, lässt Ruhe einkehren, sammelt Energien für das virtuose Finale. Fast werden die Philharmoniker im Finale ihre Coolness verlieren, so sehr reizt sie ihr Solist. Es ist sensationell. Wer vom Violinkonzert schwärmt, muss auch von dem grandiosen Spannungsabfall danach berichten, dem Rückwärtsgang ins Repertoire, der ordentlichen Interpretation – laut, leise, angemessen turbulent – von Bartóks Konzert für Orchester. Das zauberische Innenstück kann es dennoch nicht vergessen machen. Christiane Tewinkel

ANTIKE

Fiktion: Reden über das Geld

im Museum für Kommunikation

Um „Geld in der Antike“ ging es auf dem Vortragsabend, der die Ausstellung „Die Sprache des Geldes“ im Museum für Kommunikation (bis 14.2., Mi-Fr 9-17, Sa/So 10-18 Uhr) ergänzte. In fünf Kurzvorträgen sprachen Wissenschaftler der Uni Münster über Sinn und Macht des Geldes. Wie der unwahrscheinliche Tausch – Geld gegen Güter – wahrscheinlich geworden ist, erklärt Benedikt Eckhart. Der Literaturwissenschaftler zeigt, wie sich die Ökonomie des Geldes im Athen des 5. Jahrhunderts vor Christus durchsetzte. Die Beziehung der Menschen zu den Göttern glich bald einer komplexen Rechenaufgabe. Selbst der Zugang zur Unterwelt wurde kostenpflichtig, wie beim Komödiendichter Aristophanes zu lesen ist. Wie aus Nichts Geld wird und Geld zu Nichts, erklärt die Doktorandin Meike Wortmann am Beispiel der Komödien des Plautus. Geld und Poesie haben eines gemeinsam: Sie sind Fiktion. Wie die Poesie durch Sprache eine Welt schaffe, werde das Geld durch kollektiv anerkannte Sprechakte zur Tatsache. Erst durch den Glauben wird der Devisenhandel möglich – wie in der heutigen Finanzwirtschaft. Nicole Köstler

KLASSIK

Utopie: Mahlers Zehnte

im Konzerthaus

„Selbst den ersten Satz sollte man lieber durchs schweigende Lesen ehren als Aufführungen exponieren, in denen das Unausgeführte notwendig zum Unvollkommenen wird.“ Setzt man voraus, dass Lothar Zagrosek die Absage Adornos an mögliche Versuche kennt, Mahlers unvollendete Zehnte Sinfonie zu rekonstruieren, dann blüht das Adagio im Konzerthaus wahrlich auf, wird zum Deutungsdiskurs (nochmals heute 20 Uhr). Was, wenn man das Unvollkommene nicht leugnet, sondern allen Reiz daraus bezieht? Wenn man sich in unbekannte Welten vortastet, wie es das Konzerthausorchester an diesem Abend tut? Wenn man nie Fakten postuliert, sondern auf Potenziale hinweist? Mahler wird so zur feinsinnigen Utopie.

Im Rausch dieser Was-wäre-gewesen-wenn?-Atmosphäre die 50 Jahre später entstandenen „Métaboles“ von Henri Dutilleux anzuschließen, ist ein dramaturgischer Glücksgriff. Wie vielkanalig und unberechenbar die Ausdrucksmöglichkeiten der musikalischen Moderne jenseits von Serie und Zufall sind, verdeutlicht das Orchester eindrucksvoll durch seine organische Behandlung der satzübergreifenden Motivverwandlungen.

Nach der Pause wird klar, dass das Konzerthausorchester keiner Gestaltungshilfen bedarf. Rudolf Buchbinders unaufdringliche Einstellung zu Brahms’ Erstem Klavierkonzert scheint die einzig richtige zu sein. Klug fügt er sich den höheren sinfonischen Zielen – und spielt im Maestoso nur dann mit solistischen Expressionen, wenn Platz dafür ist, und beendet den exzeptionellen Abend mit charmant-unprätentiösem Mut zum Dialog auf Augenhöhe.Daniel Wixforth

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