Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

THEATER

„Adam und Esra“ in der Box

des Deutschen Theaters

Wie holt man eine Liebesgeschichte, vergangen und beendet, aus dem Vergessen? Maxim Biller hat darüber den Roman „Esra“ geschrieben, um den es vor Jahren schon juristische Auseinandersetzungen gab und der gar das Bundesverfassungsgericht beschäftigte. Für die Aufführung „Adam und Esra“ (wieder am heutigen 25. u. 31. 1., 6. u. 13.2.), in der Box des Deutschen Theaters, frei nach dem Roman, darf das beiseite bleiben. Denn hier verteidigen Schauspieler poetische Erfindung gegen die ohnehin nur Eingeweihten bekannte Authentizität der Liebesgeschichte. Also: Wie erinnern? Esra, gespielt von Maren Eggert, an einem bescheidenen Schreibtisch sitzend, den beleuchteten Globus in der Hand, tastet sich leise, nachdenklich an das Vergangene heran. Aufzeichnungen helfen, Blätter, die herumliegen, regen raunendes Vorlesen und Erzählen an. Die kleine Welt in der großen – nur allmählich kommt sie ans Licht. Adam, verkörpert von Arnd Klawitter, ist zupackender, fordernder. Aber Regisseur Frank Abt verweigert die lineare Geschichte, das bloße Summieren von Verlieren und Finden, von Versöhnung und Streit. Die Suche nach Identität steht im Mittelpunkt, das Vordringen ins Wesen von Menschen, die ganz unterschiedliche nationale und religiöse Wurzeln haben. Maren Eggert und Arnd Klawitter spielen das wie in sich selbst versunken, und dann doch auch mit heftiger Leidenschaft. Sie versuchen, den Innenraum einer Liebe zu finden, die sich nicht festmachen lässt. Und machen anrührend deutlich, dass diese besondere Liebe in Stille und musikgeladenem Gefühlssturm Wahrheit finden will, gerade in der Absage ans Alltägliche. Die Inszenierung im sparsamen, beweglichen Bühnenbild von Katharina Kowanatzki hat Leichtigkeit und Spannung zugleich, bringt eine faszinierend eigene Welt hervor. Christoph Funke

KLASSIK

Start des Erwin-Schulhoff-Festivals im Kammermusiksaal

„Ja, in die Luft sprengen, diese Schichten der offiziellen Gesellschaft!“, schmettert der Ernst-Senff-Chor, und kein Protest wird laut im – leider nur zu einem Drittel gefüllten – Kammermusiksaal. Den Auftakt des vom Verein Klassikwerkstatt ausgerichteten Erwin-Schulhoff-Festivals verfolgen nicht zuletzt die Familien der jungen und jüngsten Mitglieder des Kinderchors der Deutschen Oper, aus deren glockenhellen Stimmen Zeilen wie „Wir haben nichts als unsere Ketten zu verlieren“ besonders eigentümlich klingen. An den Kontrast von Text und Musik muss man sich gewöhnen, es handelt sich um eine radikalisierte Kurzfassung des „Kommunistischen Manifests“, dargeboten als viersätzige Kantate für Solostimmen und doppelten Chor. Schulhoff hat die teils an Ernst-Busch-Arbeiterlieder, teils an Alban Bergs Opern erinnernde Musik 1931 geschrieben, nicht lange, bevor er ins Exil gehen musste, wo ihn die Nazi-Häscher 1941 fingen. Im Jahr darauf starb er im Lager. Die kommunistische Kantate hat ihre Adressaten nie erreicht, sie entging offenbar auch den Exil-Forschungen der späten Bundesrepublik und erlebte erst am Freitagabend ihre deutsche Erstaufführung unter der Leitung des rumänischen Pianisten und Dirigenten Michael Abramovich. Schulhoff wechselt zwischen eingängigen Marschrhythmen, die mangels Originalpartitur solo vom Klavier durch Manon Ablett intoniert werden, und kompliziertem Wechselgesang zwischen Solisten und Chören. Im Finale vereinigen sich wenn schon nicht die angesprochenen Proletarier aller Länder, aber zumindest alle Mitwirkenden zum beeindruckenden Fortissimo. Eine lohnende Wiedererweckung. Bernhard Schulz

ROCK

Ian Brown

im Postbahnhof

Direkt aus der frostigen Eiseskälte scheint Ian Brown von draußen in den Postbahnhof zu kommen. Erst auf der Bühne zieht er seinen dicken Eskimo-Parka mit dem großen Fellkragen aus, springt ans Mikro und brüllt: „Let’s see you dance!“ Und schon tanzt der Saal zu „Love like a Fountain“, funkeligen Dance-Beats von Browns zweitem Soloalbum. Brown, einst Frontmann der bis Mitte der Neunziger äußerst populären Manchester-Indie-Raver The Stone Roses, hat sich in den letzten zwölf Jahren längst befreit von der Last, sich an seiner Band-Vergangenheit messen zu müssen. Inzwischen fast 47 Jahre alt, gibt er immer noch den zornigen jungen Mann. Mit hochnäsigem Rockstargestus, über den er sich manchmal selbst zu amüsieren scheint, schüttelt er das Tamburin, federt, pendelt und hüpft wie ein nervöser Boxer herum zwischen einer Mixtur aus Sechziger-Jahre-Gitarrensounds, Psychedelia und Brit-Pop. In monoton grummeligem Sprechgesang brummelt er mehr rhythmisch als melodisch, wirkt limitierter im Ausdruck als auf seinen Platten. Bieten die Songs mal eine überraschende melodische Variante, stößt die Stimme schnell an ihre Grenze. Die Band spielt ordentlich, aber ohne Leidenschaft und ohne besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl. Wobei zwischendrin immer wieder ein paar Funken aufglimmen, so in einer beachtlichen Version von „Longsight M 13“ mit einer interessanten psychedelischen Gitarrenfigur. Brown tänzelt und zappelt. Bis er nach anderthalb Stunden seinen Eskimo-Parka nimmt und geht. Draußen ist es noch eisiger inzwischen. H. P. Daniels

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