Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Im Gischtnebel: Maurizio Pollini in der Philharmonie

Auch nach 50 Jahren Weltkarriere schüttelt ihn immer noch das Lampenfieber. Den Eröffnungssatz von Robert Schumanns „Concert sans orchestre“ braucht Maurizio Pollini, um sich zu fokussieren. Dann aber ist der italienische Pianist bei sich, dann wirkt die pochende Unruhe im zweiten Satz gewählt, dann gestaltet er die schier endlose Folge der identischen Schlussakkorde als kleines Drama, ohne Happy End. Im schäumenden Passagenwerk des „prestissimo possibile“ schließlich lässt er eine schlichte Melodie aufscheinen, als Gesang der einsamen Seele im Weltgetümmel. In Schumanns „C-Dur Fantasie“ gelingt Pollini ein faszinierender Gedankenflug, der in seiner Kühnheit und Konzentration an die besten Improvisationen eines Keith Jarrett erinnert.

Zur Offenbarung aber wird der Klavierabend in der ausverkauften Philharmonie bei Chopin. Hatte sich Pollini in den letzten Jahren bei diesem Komponisten allzu oft hinter einer marmorkühlen Fassade der Perfektion verschanzt, berührt seine Interpretation nun – wie als Reverenz zum 200. Geburtstag des Polen – durch eine neue Innerlichkeit. Ganz private Gefühle tragen die beiden Nocturnes Opus 27, in der B-Moll-Sonate widersteht er allen Verlockungen, theatralisch zu werden, interessiert sich im Gegenteil für die schlichten Melodien, singt ohne Süßlichkeit im Scherzo, betont im Trauermarsch die innige Kantilene des Mittelteils, bevor er das Finale so filigran ausführt, als wären die tausend Noten dieses fingerbrecherischen Presto Tropfen eines Gischtnebels. Frederik Hanssen

KLASSIK

Auf Wellenkrönchen: Barenboim  mit Staatskapelle im Konzerthaus

Seine Melodien pfeift zwar nicht der Briefträger, doch immerhin vermag der Name Arnold Schönberg heute einen großen Saal gut zu füllen. Im Konzerthaus nimmt Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin zudem die Angst vor der misstönenden Zwölftonmusik, indem er mit spätromantisch gefärbten Frühwerken zu ihr hinführt. Tief taucht die Sinfonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ op. 5 nach Maeterlinck in die Fluten des nachwagnerianischen Orchesterklangs ein, schäumt auf mit Streichergischt und Wellenkrönchen der Holzbläsergirlanden. Doch so hervorragend Barenboim den Klang balanciert, bleibt das Stück ins Dickicht der Chromatik verstrickt. Weniger ratlos wirkt der Beifall nach „Verklärte Nacht“ in der Fassung für Streichorchester. Barenboim reizt den kompakten Klang zu höchster Dramatik aus, spielt mit dem Kontrast zu filigranen Solostimmen.

Doch das ist bei aller Delikatesse nichts gegen die gut 30 Jahre später entstandenen Orchestervariationen op. 31. Die gespannte Melodik ist hier zur Abstraktion geklärt und berührt bei Barenboims expressivem Herangehen stark. In Farbigkeit geht es von seufzender Melancholie zu punktierten Bewegungen, stürzt man von Inseln schwebender Ruhe in den Strudel einer Gigue von immer neu aufgetürmten Steigerungen, in denen das berühmte B-A-C-H-Motiv die Orientierungspunkte setzt. Großer Jubel. Isabel Herzfeld

THEATER

Durch die Blume: „Weltmenschen“ im Theater Rambazamba

Das Stück sei eines „mit sehr unterschiedlichen Lautstärken“, wird das Publikum zu Beginn – sehr leise – gewarnt. Dann allerdings geht es zur Sache. Die elfköpfige Bigband Ice Cream marschiert in schwarz-weißen Kostümen, mit Banjo und Trommeln, mit Waschbrett und Saxofon über die Bühne, es ist ein herrlicher Höllenkrach. Aber hier geht es schließlich auch nicht um irgendwas, sondern um Liebe, um Familie, um Glaube und Tod. „Weltmenschen“ heißt die neue Produktion der Gruppe Kalibani des Theaters Rambazamba, das bereits seit 1991 anspruchsvolle und erfolgreiche integrative Bühnenarbeit macht. Die Inszenierung ist als improvisiertes Straßentheater auf Schulhöfen entstanden, nun hatte es in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg Premiere. Ein bisschen Lessings Ringparabel und ein bisschen Berlin-Neukölln scheinen durch: „Es gibt nur einen Gott!“, schreien die verschiedenen Fanatiker durcheinander, unerbittliche Väter bringen ihre interreligiös verliebten Kinder zur Verzweiflung.

Die 27 behinderten und nicht behinderten Darsteller mit ihren spektakulären, aus Stoffresten, Draht und Pappmaché handgefertigten Kostümen und Masken lassen stille, berührende Szenen ebenso entstehen wie wirres, wildes Durcheinander. Zuschauer werden als Väter, Mütter und Brüder auf die Bühne geholt, ein tanzender und ein grimmiger Tod fletschen die Zähne um die Wette, seltsame Rollpuppen rasen vorbei, ein Leierkasten dudelt – und am Ende feiern doch noch alle zusammen Geburtstag, mit Gejohle und Blumen und viel Kuchen für alle, auch für das Publikum. Ein quietschbunter, quietschfröhlicher Abend. (Schönhauser Allee 36 – 39, wieder am 26. und 27. März) Jan Oberländer

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