Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

POP

Wertvoll wie ein Schaumbad:

Air im Huxley’s

Es ist natürlich ein uralter Trick, bei der letzten Zugabe noch mal alles zu geben, damit die Leute mit einem Strahlen auf dem Gesicht aus dem Saal taumeln. Doch Air treiben diese Idee auf die Spitze. Im ausverkauften Huxley’s mutiert „La Femme d’Argent“ zum grandiosen, zehnminütigen Progrock-Kraut-Electronica-Monster, bei dem die drei Protagonisten ihr Können in die Waagschale werfen. Jean-Benoît Dunckel quält vom zartesten Schaumbadgeblubber bis zum postindustriellen Gestampfe ein beeindruckendes Soundspektrum aus seinen Synthesizern. Nicolas Godin vergroovt sich in euphorisch mäandernden Bassverschlingungen, und der bis dahin unterforderte Drummer darf endlich aus sich herausgehen. Dazu gibt es spektakuläre Videoprojektionen, die an den Farbenrausch von Kubricks „2001“ denken lassen und perfekt zum retrofuturistischen Klangkonzept von Air passen. Wenn bloß die 80 Minuten davor auch so intensiv gewesen wären. Stattdessen bestätigt die blutarme Performance der beiden Franzosen, die mit der Ausstrahlung von Kleiderständern ihre Instrumente bedienen, alle Vorurteile. Ein Jammer, dass nicht mal ein durchlaufendes visuelles Konzept existiert.

So aber werden die kaum vorhandenen Bühnenqualitäten ins Rampenlicht gerückt: die quasi körperlose Passivität, der vor allem in Form von Dunckels zwitterhaftem Gesäusel meist windschiefe Gesang, die viel zu dünn ausgesteuerten Drums. Selbst die charmante Patina ihrer alten Hits wie „Kelly watch the Stars“ oder „Sexy Boy“ rettet das Konzert nicht vor dem Desaster. Jörg Wunder

KLASSIK

Das gewisse Garnichts:

David Garrett in der Philharmonie

Dieser Mann hat es leicht und macht sich’s schwer: David Garrett erspielte sich mit seinem Geigencrossover Platinschallplatten und Ehrenpreise der nach Umsatz dürstenden Klassikbranche. Er füllt aus dem Stand Hallen und zieht ein junges Publikum mit seinem braven Mix aus Pop, Filmmusik und klassischen Versatzstücken in Bann. Doch Garrett will mehr, will zeigen, dass er ein seriös ausgebildeter Musiker ist und es schaffen kann, neue Zuhörer für die wahre Klassik zu begeistern. Für seine „Classic Romance“-Tournee hat er die Staatskapelle Weimar in großer Besetzung gebucht und natürlich die Philharmonie. Prompt ist sein Publikum deutlich reifer und die Twitterquote geringer, als es dem Modesponsor lieb sein kann. Garrett geht betont locker zu Werke, mit Roger-Cicero-Hütchen lehnt er am Barhocker, moderiert die von ihm neu arrangierten Klassikfavoriten an, ohne über Musik zu reden. Doch sein barrierefreies Spiel hat einen Effekt: Es macht müde.

Seinen überraschend kleinen Geigenton hält Garrett am liebsten permanent in halblauter, halbpräsenter, halbanwesender Stimmung. Herausfordernde Gefühle gibt es nicht, hier geht es um nichts. Was wohl passiert wäre, wenn man dem Saal für die Hälfte des Ticketpreises einen wirklich mitreißenden Interpreten von Mendelssohns Violinkonzert geboten hätte, wie etwa Janine Jansen? Vielleicht hätte man so ein neues Publikum für die Klassiker gewinnen können. Im Herbst geht Garrett wieder auf Crossovertournee: Hallen, Doppeltermine, junge Fans. Auf das nächste Klassikalbum werden wir lange warten dürfen. Ulrich Amling

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