Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Zappelnder Maestro:  Ton Koopman in der Philharmonie

Als Advokat einer historisch beseelten Aufführungspraxis wird Ton Koopman gern gehört und ausgezeichnet. So seine Gesamtaufnahme der Kantaten Bachs. Doch will ihn jeder sehen, wenn er dirigiert? Das Debüt des 65-jährigen Niederländers vor den Berliner Philharmonikern stellt sich optisch wie ein Gruppenbild mit Vortänzer dar. Mit totalem Körpereinsatz scheint er die Musik so zu kneten, als ob sie den Ton kaum noch nötig hätte. Er erklärt gestisch wie ein übereifriger Lehrer: Alles sehen wir voraus, vom Einsatz und Tempowechsel bei Bach (Orchestersuite Nr. 3) an. Die Philharmoniker folgen mit wohlwollender Präzision. Sie sind in hervorragender Besetzung dabei, aber was Koopman an Interpretation geben will, das durchkreuzt er für den Zuschauer als zappelnder Maestro, als Vorzeiger, fast Karikatur. So entsteht, auch in der Haydn-Sinfonie Nr. 98, eine Doppelung von Partitur und Pantomime.

Ein rares Konzertstück ist das Magnificat von Bach, von den Philharmonikern zuletzt vor 25 Jahren aufgeführt – unter Karajan. Erstaunlich, dass der Lobgesang der Maria sich heute nicht schlecht als politische Rede ausnimmt: Der Herr stürzt die Mächtigen, erhebt die Niedrigen, beschenkt die Hungernden. Die betreffenden Arien erhalten Farbe von Werner Güra und Ingeborg Danz. „Omnes generationes“ kommen mit Macht vom Rias-Kammerchor. Ihm gehört auch das absolute Prunkstück des Abends, das nicht zuletzt der Einstudierung seines Chefs Hans-Christoph Rademann zu danken ist, die Bach-Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“: an schwebender Stimmschönheit und Transparenz nicht zu überbieten. Sybill Mahlke

JAZZ

Kleiner, großer Bruder: Freddy Cole in der Jazzwerkstatt

Freddy Cole ist ein Ereignis. Im grünen Hemd, mit schweren, diamantbesetzten Siegelringen an beiden Händen setzt sich der 79-jährige Sänger und Pianist an das Klavier des ausverkauften Jazzwerkstatt-Cafés. Lange stand er, der eigentlich eine Karriere als Football-Star machen wollte und nur wegen einer Verletzung Pianist wurde, im Schatten seines 1965 gestorbenen, älteren Bruders Nat „King“ Cole. Bis er 1990 das Album „I’m not my Brother, I’m Me“ veröffentlichte und 2006 der Dokumentarfilm „The Cole Nobody Knows“ gedreht wurde.

Mit Anzug, Einstecktuch und zurückgelegtem Haar erinnert er an die Eleganz eines Billy Eckstine oder Duke Ellington, dem väterlichen Freund aus den Kindertagen in der South Side von Chicago. Die Stücke perlen aus ihm heraus wie Bilder eines Erinnerungsalbums. Dabei ist seine Stimme rau und lockend, wie Sandpapier auf schwarzem Samt. Er hält die Tradition des Balladensängers hoch, des Troubadours, für die auch sein Bruder stand. Begleitet von seinem Quartett und dem jungen Gitarristen Randy Napoleon, singt er Liebeslieder aus dem Great American Songbook, von Cole Porter, Count Basie oder Billie Holiday und die Stücke, die sein Bruder sang: „I’ts only a Papermoon“, „Sweet Lorraine“ oder „Mona Lisa“. Maxi Sickert

SLAM POETRY

Freie Rede:  Henry Rollins im Astra

Von 1981 bis 1986 war Henry Rollins Sänger der legendären kalifornischen Punkband Black Flag. Später sang er in der Rollins Band. Heute, im bestuhlten Astra, singt er gar nicht. Auf der Bühne stehen nur ein Mikrofonstativ und Rollins selbst. Er erzählt von früheren Besuchen in Berlin, einer Autofahrt nach Mainz, dem eisigen Wetter. Und schon ist der Endvierziger mit dem kantigen Gesicht und riesigen Tätowierungen auf den muskulösen Armen, mitten im Redefluss seiner „Spoken Word Performance“: einer einzigen, langen Geschichte, die aus unzähligen kleineren Storys zusammengesetzt ist.

Rollins liest nichts ab, benutzt keine Stichwortzettel, nur das, was er im Kopf hat: Gedanken, Erinnerungen, Philosophisches, Meinungen, Privates, Öffentliches, Abschweifungen. Eine leidenschaftliche Abrechnung mit dem Rassismus, der Stumpfheit und der Bildungslosigkeit vieler seiner Landsleute. Ständig springt Rollins von der Politik zum Privaten und wieder zurück. Vergnügt erzählt er von einer Einladung beim Schauspieler William Shatner, der fragwürdigen Bedeutung des amerikanischen „Thanksgiving“-Festes, der Geschichte der schwarzen Punkband „Bad Brains“, Obama, Afghanistan. Anekdoten von seiner jüngsten Reise, die ihn über Jordanien, Saudi Arabien, Indonesien, Sri Lanka, Indien, Nepal, Schanghai, Peking, Afrika, Mali, Timbuktu nach Irland und schließlich Berlin geführt hat. Drei Stunden lang erzählt Rollins ohne Unterbrechung und Versprecher, in einer charmant lässigen, aber nie nachlässigen Sprache. Wobei er seine Sätze mit tänzelnden Bewegungen untermalt, seinen Wörtern mit dem gelegentlichen Hervorschnellen eines Armes zusätzliche Kraft verleiht. Wie ein disziplinierter Kampfsportler einer östlichen Zen-Schule. Rollins ist ein Meister seiner Kunst. H. P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben