Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

CLUB TRANSMEDIALE

Sirenengesänge:  Keiji Haino im WMF

Wenn Keiji Haino zu Werke schreitet, können alle anderen ihren Klempnerladen dicht machen. Seit 35 Jahren gehört der schwarz gekleidete „Hexenmeister unter Japans Musikextremisten“ zu den prägenden Figuren der zeitgenössischen experimentellen Musik. Keine Frage, das der 57-jährige Schrägtöner mit der festgewachsenen Sonnenbrille irgendwann bei der Club Transmediale landen musste, Berlins großartigem Festival für musikalische Abenteuer, das in diesem Jahr im WMF stattfindet. Kaum größer als die handlichen Verstärker im Hintergrund produziert Haino bei seiner Soloperformance einen Sound, der sich anhört, als hätte man Jimi Hendrix vor ein Düsentriebwerk geschnallt. In den Raum geschossene Free-Metal-Riffs, die wie elektronische Impulse vorüberjagen und die Gitarre als erhabene Lärmmaschine retten. Dazu Sirenengesang, Kellergrunzen und kreischende Theremins.

Ein Ereignis, das noch übertroffen wird, als Haino in der nächsten Nacht mit Pansonic auftritt. Während die beiden Finnen mit ihrem Elektropark bollernde Tinnitusfrequenzen lostreten, lärmt der Japaner wieder mit seiner Gitarre und schindet sich von Schreikrampf zu Schreikrampf. Düsteres Hämmern und Zerren, bis Haino den Gesamtsound wieder mit einem beherzten Solo an die Oberfläche holt und sich in dem schäumenden Soundgewebe ein Wille artikuliert, der das Dionysische selbst noch verschlingt und bei dem mit grimmiger Entschlossenheit eine Energie freigesetzt wird, die das Zerbersten als glücklichen Zustand und äußerste Form musikalischer Befreiung umzusetzen weiß. Ein reinigendes Erlebnis und ein grandioser Auftakt für die weiteren Konzerte der Club Transmediale (noch bis 7. Februar, www.transmediale.de). Volker Lüke

KLASSIK

Elfentänze: Das Oberon Trio beim Lunchkonzert in der Philharmonie

Es ist immer wieder überwältigend zu sehen, wie viele Menschen die kostenlosen Lunch-Konzerte in der Philharmonie anlocken: Weit über 1000 Neugierige hatten sich auch am gestrigen Dienstag wieder im Foyer versammelt. Ob bei dem mittäglichen Kurzauftritt Philharmoniker-Stars zu erleben sind oder nicht, spielt dabei für dieses altersmäßig perfekt gemischte Publikum keine Rolle. Darum haben längst auch junge Kammermusik-Formationen die Lunch-Konzerte als attraktive Plattform entdeckt, um sich in der hauptstädtischen Klassikszene bekannt zu machen.

Diesmal nutzte das 2006 gegründete Oberon Trio seine Chance: Henja Semmler, Geigerin beim Mahler Chamber Orchestra, der Cellist Rouven Schirmer sowie der Pianist Jonathan Aner lassen sich vom Massenandrang nicht beeindrucken und setzen ganz auf fein ziselierte Klangkunst. Die zarte Linie der Violine, der perlende Anschlag des Pianisten, das dezent grundierende Cello passen gut zu Haydn, lassen selbst den Finalsatz seines „Zigeunertrios“ so leichtfüßig wirken, als tanzten hier Elfen.

Auch bei Schumanns D-Moll-Klaviertrio bleibt das Oberon Trio seinem Namenspatron treu. Sommernächtliche Stimmungen dominieren, sensible Seelen sprechen, diese Romantik hat nichts Bizarres oder gar Verstörendes. Schumann meets Shakespeare for lunch: „Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, so spielt fort!“ Frederik Hanssen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben