Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

KLASSIK

Betörend: Simon Rattle startet

Sibelius-Zyklus in der Philharmonie

Wenn Frackbinden sich lösen, die Koloratursopranistin Lack & Leder trägt und die Pianistin sich so tief verbeugt, als wolle sie dem Saal ihre liebste Yoga-Übung vorführen, dann ist die Klassik-Welt in Ordnung. Ein echter Stimmungsaufheller, dieses erste philharmonische Abo-Konzert im Februar, das – gefolgt von drei weiteren – Beethovens Klavierkonzerte mit den Symphonien von Jean Sibelius, nun ja: kreuzt? konfrontiert? ins Gespräch bringt? Die Philharmoniker nahezu in Bestform, Simon Rattle selten eins mit sich und ihnen, und abgesehen davon, dass die Ligeti-Einsprengsel im Programm (ein Klangfarbenstillleben wie „atmosphères“ gleich zu Beginn!) arg nach Alibi rochen und den Abend unnötig ausufern ließen, machte Barbara Hannigan ihre Sache in den drei Arien aus „Le Grand Macabre“ ganz fabelhaft mutig. Ein Schuss Lady Gaga, ein bisschen Offenbachs Puppe Olympia, das richtige Kostüm, wie gesagt, allerlei saftige Knall- und Schnalzeffekte: Ovationen.

Die gab’s auch vor der Pause schon und sehr zu Recht für Mitsuko Uchidas betörendes Beethoven-Spiel. Allein über den Anschlag der Japanerin ließen sich Aufsätze schreiben. Wie sie ihrem Riesenflügel im C-Dur-Konzert geradezu hammerklavieristische Töne entlockt (als wär’s ein Pleyel und kein Steinway!) und so den historisierenden Gestus, den Rattle vorgibt, fortspinnt und kontert; wie alles Trockene, Erdige bei ihr immer Luft hat, immer klingt; und wie die Kadenz im Kopfsatz buchstäblich das ganze Konzert öffnet, nach vorne wie nach hinten: hier etwas geklöppelte Spitze à la Mozart, dort harmonisch Ausgereiztes, Verschrobenes, als wäre der junge Chopin am Werk. Einzig das Largo gerät Uchida in seinen Überdehnungen dann doch etwas zu artifiziell und ausgeklügelt.

Ein langer Weg zu Sibelius also. Wer vor dessen erster Symphonie des Hörens noch nicht satt war, wurde trotzdem belohnt. Mit einer Musik, die so unerhört reizvoll ist und reich an Farben und Licht, dass man über die Randständigkeit des Finnen nur staunen kann. Wie Rattle sich hier ins Zeug legt, hat Tradition, in seiner Biografie wie beim Orchester – und das hört man. Klarinettensoli ranken sich wie Eisblumen neben konvulsivischen Tutti-Geysiren, die Süße macht Tschaikowski Konkurrenz, höchst unkonventionell schraubt sich ein Thema aus dem anderen hervor. Was ist der Februar herrlich! Christine Lemke-Matwey

FOLK

Charmant: 

Buffy Sainte-Marie im Astra

„I’m a rambler and a rover and a wanderer it seems, I’ve travelled all over chasing after my dreams“, singt Buffy Sainte-Marie. Als wären 45 Jahre nichts. Der Song „The Piney Wood Hills“ ist einer ihrer Folksongs der frühen Jahre. Er stammt von ihrem zweiten Album von 1965, einer Zeit als die kanadische Indianerin neben Joan Baez zu den bedeutendsten weiblichen Singer/Songwritern der amerikanischen Protestbewegung zählte. „Nach den Beatniks und vor den Hippies“, wie sie sagt.

Auf der Bühne im Astra, nach 40 Jahren zum ersten Mal wieder in Berlin, singt und tanzt sie im Glitzerjäckchen über einem schwarzsamtigen Minikleid, schüttelt die schwarzen Haare mit den blonden Strähnchen, als wären 68 Lebensjahre nichts. Elegant, würdevoll, sexy. „Cho Cho Fire“ vom neuen Album „Running For The Dream“ ist Indianerrock, begleitet von drei indianischen Mitstreitern an elektrischer Gitarre, Bass und Schlagzeug. Dazwischen immer wieder hypnotisch trauriger „Indian Chant“. Mit „Blue Sunday“ und treibendem Rockabilly huldigt Buffy ihrer Liebe für den frühen Rock ’n’ Roll, für Elvis Presley und Scotty Moore. Den Traditional „Cripple Creek“ singt sie solo, begleitet sich dabei lediglich mit dem Mouthbow, einer indianischen Urform der Maultrommel.

Sie wechselt von der elektro-akustischen Gitarre zum Keyboard, springt von neuen zu ganz alten Songs. Von ihrem Antikriegslied „Universal Soldier“, mit dem Donovan 1965 Furore machte, zu „Soldier Blue“, dem Titelsong des gleichnamigen Films von 1970 (deutsch: „Das Wiegenlied vom Totschlag“). Vom A-cappella-Gesang des „Relocation Blues“, begleitet lediglich von rhythmischem Fingerklopfen, zur Ballade „Up Where We Belong“, dem Hit, den sie für Joe Cocker und Jennifer Warnes schrieb und für den sie 1983 einen Grammy erhielt. Ihr Gesang berührt, auch wenn ihr Timbre gelegentlich etwas gequetscht klingt oder die Stimme manchmal den Ton verzittert – man könnte es auch Tremolo nennen. Doch gerade das Unperfekte, auch in der instrumentalen Begleitung, macht den besonderen Charme dieses Auftritts aus. Wo Aufrichtigkeit, Leidenschaft und Hingabe alles sind. Wo der Ausdruck zählt und nicht die technische Perfektion.

Stehende Ovationen nach anderthalb Stunden für das außerordentliche Konzert einer außerordentlichen Frau, die gerührt ist vom rauschenden Echo. „Ladet uns doch bitte wieder ein, wir spielen gerne wieder hier!“ Ja, und bitte nicht erst in 40 Jahren. H. P. Daniels

TRANSMEDIALE

Rauschhaft: Ryoji Ikeda

und Thomas Köner im HKW

Es gibt die Stille und die Unendlichkeit des Lärms, die man Weißes Rauschen nennt. Normalerweise baut der Musiker seine Klänge auf Stille auf und kehrt gelegentlich zu ihr zurück. Bei Ryoji Ikeda ist es umgekehrt. Seine Musik entsteht aus der Subtraktion von Weißem Rauschen und versucht, den Eindruck eines musikalischen Prozesses zu vermeiden. Für die audiovisuelle Performance „Test Pattern“ bei der Transmediale im Haus der Kulturen der Welt hat der japanische Klangkünstler die Zusammenhänge von Signaltönen und den aus ihnen generierten Mustern berechnet. Diese flimmern mit rasender Geschwindigkeit als schwarz-weiße Balkenmuster, die an Barcodes erinnern, über die Leinwand, bis die Netzhaut glimmt.

Dabei verwendet der Japaner Geräusche, die beim Hörer physische Reaktionen hervorrufen und so einprägsam sind wie die Betriebsgeräusche einer Kernspintomografie: pfeifende Sinustöne und bollernde Tieftonfrequenzen, die die Bereiche des Hörbaren durchbohren und mit scharfen Schnitten einen technoiden Flackergroove gestalten. Ein echter Härtetest für die menschliche Wahrnehmung, aber auch ein Bekenntnis zum immateriellen Klang der Materie.

Wie stark die Wirkung von Musik über Bilder steuerbar ist, vermittelt auch die Performance „Materia Nigra“ von Thomas Köner und Jürgen Reble. Während Rebles Filmbilder an informelle Kunst erinnern, moduliert Köner eigenwillige Bewegungen in dunklen Geräuschräumen, die an die legendären Schlafkonzerte von Robert Rich denken lassen. Eine Musik, die auf nichts mehr hinaus will, nur tiefer hinein in das Dröhnen und Rauschen, bis das Bild einer Zwischenwelt entsteht, in dem sich feste Konturen nur erahnen lassen und sich die Unschärfe immer wieder in magischen Momenten reiner Stimmung verdichtete – so archaisch und geheimnisvoll wie das innere Knirschen von Eisbergen, in denen eine Gefahr zu schlummern scheint, die nur darauf wartet, freigelegt zu werden. Volker Lüke

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