Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK

Frühlingshaft im Kammermusiksaal: das Mandelring-Quartett

Erst Schnee- und Eisglätte, dann auch noch ein Hustenanfall im Publikum: Die Musiker des Mandelring-Quartetts lassen sich beim Auftakt zu ihrem dreiteiligen Zyklus im Kammermusiksaal davon nicht anfechten. Mit Leichtigkeit, Delikatesse und wunderbar runden Kanarienvogeltrillern legen sie Joseph Haydns „Vogelquartett“ hin, so dass spätestens im risikofreudig angegangenen Rondofinale der Frühling ausbricht. Haydn hat das Quartett dem späteren Zar Paul I. gewidmet. Wer glaubt, dies stelle nur einen oberflächlichen Bezug zu Tschaikowskis erstem Streichquartett her, der sieht sich angenehm getäuscht. Das Mandelring-Quartett entdeckt nämlich, dass auch in der Musik des gerne als sentimental verschrienen Russen Haydn’scher Geist weht: durchsichtig, mit wachem Intellekt, im rustikalen Scherzo mehr das Bild eines Tanzes abgebend als derb aufstampfend. Beethovens drittem Razumowsky-Quartett schließlich treiben die Musiker jeden Poltergeist aus. Besonders anregend, wie natürlich man die erste Geige dieses halben „Quatuor brillant“ in Klang und Satzstruktur integrieren kann. Die Musiker verabschieden sich mit zwei witzig-virtuosen Scherzi von Tschaikowski und Schostakowitsch, wobei Extrovertiertheit und intensives Aufeinanderhören verschmelzen. Am 11. April und 13. Mai kommen die vier wieder. Egal welches Wetter dann herrscht: Es dürfte ein schöner Frühling werden. Carsten Niemann

THEATER

Jugendlich im Schlossparktheater: Dieter Hallervorden muckt auf

Rentner war früher, jetzt leben wir im Zeitalter der „Best Ager“. Wer immer älter wird, bleibt auch immer länger umtriebig. Was bedeuten heute schon 72 Jahre? Für Jürgen Zebralla nicht viel. Nach der Scheidung von seiner Frau zieht er bei seinem Sohn Ingo ein, so entsteht eine Männer-WG mit vertauschten Rollen: Der Vater ist der Progressive, der ein Politologiestudium beginnt und sein Sperma einfrieren lassen will, der Sohn ein Spießer vor dem Herrn, der nur Dreiteiler trägt und von der Verbeamtung träumt. Von diesem Konflikt lebte die Fernsehserie „Zebralla!“, aus der Kabarettist Frank Lüdecke jetzt ein Stück fürs Schlossparktheater gemacht hat (wieder 6./7. und 22.–24.2.). Jutta Eckhardt gibt die unerschüttlich naive, ständig enthusiastische Mutter Gertrud, die für das Kosovo sammelt, ohne zu wissen, wo das liegt, Jörg Zuch den graugesichtigen, über die Eskapaden seines Vaters dauerentsetzten Sohn. Dieter Hallervorden trifft als Regisseur und Hauptdarsteller bei seinem Steglitzer Publikum wieder mal ins Schwarze. Er ist der Eckpfeiler des Abends, wie das ganze Haus im Moment vor allem von seiner Ausstrahlung lebt. Den Jürgen Zebralla spielt er mild, altersweise, aber – mit weißem Wuschelhaar und 80er-Jahre-Jeans (Ausstattung: Stephan Prattes) – trotzdem rotzig und mit jenem innerlichen Grinsen, das man seit Jahrzehnten von ihm kennt. Da bleibt dann doch ein Nachgeschmack: Wirklich emanzipiert hat er sich von seiner Rolle als Komiker nicht. Aber 72 ist ja noch kein Alter. Udo Badelt

PERFORMANCE

Dröhnend im Französischen Dom:

Charlemagne Palestine spielt Orgel

Die Schallwellen vom Auftritt der Drone-Metal-Band Om im WMF sind kaum verklungen, da kommt uns bei der Club Transmediale ein seltsamer Kauz entgegen, der das Publikum ebenfalls mit Gedröhn ins Nirwana schicken will: Charlemagne Palestine, Minimal-Music-Pionier aus New York, der zu seinen Auftritten stets einen Haufen Stofftiere mitbringt und dabei große Mengen alten französischen Cognacs konsumiert. Auf seiner Suche nach dem heiligen Klang entwickelte er das Prinzip der „Strumming Music“, mit dem er seit vierzig Jahren Konzertflügel malträtiert und dabei eine ähnliche Technik einsetzt wie beim Carillon, dessen Klaviatur mit Fäusten geschlagen wird, wie er es am Dienstag zur Eröffnung der Transmediale tat.

Im Französischen Dom klimpert er ein wenig auf dem Cembalo und dann auf dem Klavier, ohne große Magie zu entwickeln. Man spürt, wie es ihn nach oben zieht, zur mächtigen Eule-Orgel oder, wie er selber sagt, dem „ besten Synthesizer, den es gibt“. Note für Note füllt er den Dom mit spirituellen Obertönen, die hypnotische Wirkung entfalten. Während das Publikum in imaginäre Kissen fällt, arbeitet er sich in immer tiefere Lagen vor und hämmert dabei so wuchtig in die Tasten, dass die Schwingungen immer mehr an Intensität zunehmen, bis unter voller Ausnutzung des phänomenalen Orgelklangs eine Musik entsteht, die an Sturmbrausen oder Meeresrauschen erinnert. Die Kanzel unterm Kirchendach zittert noch immer. Volker Lüke

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