Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

von

THEATER

Liebesspiele: eine Bühnenversion von Tucholskys „Rheinsberg“

Merkwürdig – Kurt Tucholskys „Rheinsberg“, das kleine, gefällige, höchst erfolgreiche Bilderbuch für Verliebte, bewahrt heute, fast 100 Jahre nach seinem ersten Erscheinen, nur mühsam seine Frische. Es wirkt ein bisschen gestelzt und gekünstelt, auch in der Sprache, die sich die Liebenden Claire und Wolf zurechtlegen. Aber vielleicht ist das ungerecht – 1912, vor den noch im Dunkel liegenden Verhängnissen des 20. Jahrhunderts, durfte sich Tucholsky Zuversicht leisten. Und eine Ahnung von kommenden Mühen gab er der sauberen, fröhlichen Beziehung zweier junger Leute ja auch. Johann Kuithan, der den Kurzroman jetzt im Foyer des Maxim-Gorki-Theaters auf ein winziges Bühnchen (Martina Berner) brachte, steigert die Widerspenstigkeit des harmoniesüchtigen Urlaubsprotokolls (wieder am 22. Februar). Seine Liebenden, gespielt von Anne Müller und Leon Ulrich, wissen mehr. Sie müssen sich zusammenraufen, haben einen gar nicht glatten Alltag in sich, probieren sich aus, mit dem Partner und gegen ihn. Immer ist da etwas Spitziges, Eigensinniges zwischen ihnen – und am Ende versuchen sie ihre bescheidenen Abenteuer zu steigern. Gibt es andere Liebesgeschichten, andere Ausgänge, was sollen sie tun? Etwas Sinnvolles!, lautet die Antwort. Anne Müllers Sophie hat einen herben Reiz, eine verschlossene Sinnlichkeit: Grübeln in einem unruhigen Körper. Leon Ullrich gibt Wolf Klugheit, die aus Erfahrung kommt. Sein Liebender bleibt gelassen und wehrhaft gegen jede Nervosität. Christoph Funke

FOLK

Hommage an den Pfirsich:

Laura Veirs im Lido

Während sie ihre Gitarre stimmt, fordert Laura Veirs die Fans im Lido auf, ihr doch schnell ein paar Fragen zu stellen. Wie alt? – 36! Ist es ein Problem, mit dem dicken Bauch Gitarre zu spielen? – Nein! Das Baby kommt im April. Laura ist schlagfertig, witzig, selbstbewusst. Ihre modernen Folksongs klingen, als wären sie gerade spontan ausgedacht. Und immer ein bisschen schief. Über den Sommer, die Sonne, die Sterne, die Natur, den Alltag. Zu feinem Fingerpicking auf der Martin-Gitarre. Drei Mitmusiker, die ständig Instrumente wechseln oder tauschen: Bass, Banjo, Danelectro-Gitarre, Percussions, Keyboards, Bratsche. Laura spielt eine interessante Gitarrenfigur auf der Danelectro, die ein wenig nach einem Riff der Red Hot Chili Peppers klingt. „July Flame“ ist der Titelsong vom neuesten Album, benannt nach einer Pfirsichsorte, die Laura auf dem Markt ihrer Heimatstadt Portland/Oregon entdeckte. Die Stimme, die vom luftigen Hauchen oft zu schriller Schärfe hochschießt, gerät gelegentlich in gefährliche Schräglage und taumelt in zirkulärer Intonation um die Töne. Dann alles wieder glatt in einer hübschen Version von Fleetwood Macs „Never Going Back Again“. Glatt und schräg im Wechsel. Daran muss man sich gewöhnen. H. P. Daniels

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