Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

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KLASSIK



Auf Augenhöhe: Mitsuko Uchida bei den Berliner Philharmonikern



Der zweite Abend des Beethoven-Sibelius-Zyklus der Berliner Philharmoniker – und wieder durchströmt die Besucher am Ende das Glücksgefühl, bei der Verlebendigung dreier bedeutender Partituren dabei gewesen zu sein. Das Wesen jeder Musik ist ihr Verschwinden: Kaum wird der Ton erzeugt, ist er auch schon verklungen, die Notenschrift dient immer nur als Hilfsmittel für die Interpreten. Sie leisten die eigentliche Arbeit: Gedanken vergangener Tage für einen magischen Moment in schwingende Luft zu verwandeln, Klänge auszusenden, die berühren. Mitsuko Uchida ist eine der großen Meisterinnen auf diesem Gebiet. Wenn die Pianistin am Dienstag Beethovens Klavierkonzerte Nr. 2 und 3 spielt, tritt sie nicht nur in einen inspirierenden Dialog mit Simon Rattle und den Philharmonikern, dann fühlt sich auch jeder im restlos ausverkauften Saal persönlich angesprochen: Hört her, diese Musik ist für euch gemacht!

Enorm, wie menschlich, wie nahbar Uchidas Spiel auf dem Steinway-Flügel klingt, der doch vor allem auf metallische Brillanz getrimmt ist. Der 62-jährigen Japanerin aber geht es nie allein um Virtuosität, sondern in erster Linie um Vitalität. Um eine Haltung, um Emphase. Weil sie Musik als Sprache versteht, die kein Selbstgespräch ist, sondern stets an einen Gegenüber gerichtet. Sie beherrscht alle Raffinessen der Rhetorik, sie weiß, dass der beste Text langweilig wird, wenn der Vortragende zum Satzende mit der Stimme absackt. Uchidas Phrasen haben immer Kraft bis zur letzten Note, ihr Beethoven bleibt darum bei aller Eloquenz allgemeinverständlich. Und die Philharmoniker nehmen ihr Angebot zur geistreichen Kommunikation nur allzu gerne an.

Souverän spielen sich die Musiker dann auch bei Jean Sibelius’ 3. Sinfonie die Bälle zu: Unter Rattles befeuerndem Dirigat wächst die Partitur ganz organisch, pulsierend in praller Lebensenergie. Ovationen. Frederik Hanssen

ROCK

Melancholie deluxe: Midlake im Lido

Als Eric Pulido begeistert vom Joggingtraining erzählt, das er auf vereisten Berliner Bürgersteigen absolviert hat, ist man heilfroh, dass der gemütliche Vollbartträger im ausverkauften Lido die siebenköpfige Tourbesetzung von Midlake komplettiert. Vielleicht hätte man seinen Ausfall kompensieren können: Pulido ist einer von gleich vier Gitarristen, mit denen die Texaner ihrem träge fließenden Folkrock majestätische Tiefenschichtung verleihen. Dem Zusammenspiel liegt keinerlei Wettbewerbsgedanke zugrunde. Selbst die verwobenen Soli von Eric Nichelson und Max Townsley werden mit größter Bescheidenheit zelebriert. Über allem schwebt der in dunkles Moll getauchte Gesang von Tim Smith, der zudem mit Keyboarder Jesse Chandler zarte Querflötentöne zum Besten gibt.

Natürlich sind Midlake Zeitreisende: Nach lichtdurchflutetem Westcoast-Pop haben sie jetzt nebelverhangenen Canterbury-Folk entdeckt. Was die Grundgestimmtheit ihrer Songs zwar noch mehr ins Melancholische wendet, aber gar nicht traurig macht. Vielmehr trägt einen dieser gleichmütig dahinrollende Sound völlig aus Zeit und Raum. Nie klingen Midlake schnöde nach Vorbildern, sondern lassen einen vom Utopia einer Musikepoche delirieren, die es in dieser Idealform nie gegeben hat: wie Grateful Dead ohne LSD, Allman Brothers ohne Motorradunfälle, Lynyrd Skynyrd ohne Flugzeugabsturz. Und wenn Max Townsley die Zugabe „Branches“ mit einem minutenlangen, butterzarten und zum Niederknien schönen Gitarrensolo veredelt, sind Schlittereis und Schotterschmuddel Welten entfernt. Jörg Wunder

KUNST

Tiere mit Feingefühl: Die Fotografin Sylvia Plachy im Willy-Brandt-Haus

Der Braunbär soll Ballett tanzen. Hübsch anzusehen ist er, im Tutu-Röckchen. Traurig sein Blick. Traurig die Leine, die man ihm um die Schnauze gewickelt hat. Energisch zieht der Dompteur daran, signalisiert: Los, raus in den Zirkus, die Manege wartet! Auch der Gorilla schaut resigniert drein, wie er mit seiner Hand an die Glaswand tippt, hinter der er sitzt.

Eine Menge Tiere hat Sylvia Plachy abgelichtet, manchmal mit einem lachenden, oft einem weinenden Auge. Immer so, dass sie irgendwie Menschen ähneln. Wie die Fotografin das hinkriegt, weiß sie selbst nicht. „Ich kann mich nie entscheiden, was ich überhaupt knipsen soll. Es könnte eigentlich alles sein“, sagt die gebürtige Budapesterin. Das stimmt. Ob Immigranten, Flüchtlinge, Waisen, ob Natur- und Städteaufnahmen oder Sohn Mishi – besser bekannt als Oscar-gekrönter Schauspieler Adrien Brody – Plachy kann alles und jeden fotografieren, mit Feingefühl und Liebenswürdigkeit, in Farbe und Schwarz-Weiß. Bereits als Kind emigrierte sie nach New York, wo sie später eine eigene Fotokolumne in der Wochenzeitung „The Village Voice“ bekam. Am Samstag erhielt die 67-Jährige den Dr.-Erich-Salomon-Preis für ihr Lebenswerk. Noch während Plachy die Urkunde der Deutschen Gesellschaft für Photographie in den Händen hielt, verriet sie schüchtern: „Ich ziehe es vor, selbst durch die Kamera zu schauen. Ich werde nicht gerne angesehen“ – und setzte sich schnell wieder. Damit war die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus eröffnet (Stresemannstr. 28, bis 28. März, Di - So 12 - 18 Uhr). Annabelle Seubert

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