Kultur : KURZ & KRITISCH

Julian Hanich

PANORAMA

Beat und Box:

Gerardo Milszteins „Friedensschlag“

Heftig, die Jungs. Zum Beispiel Denis: 17 Jahre, Mutter deutsch, Vater aus der Türkei. Straffällig, aggressiv, um Anerkennung kämpfend. Haut Sätze raus wie: „Jeder hat was Böses in sich, ein netter Mensch kommt nicht weit“. Er wünscht sich mehr Struktur im Leben, weniger Freiraum durch die Eltern. Oder Josef, 16 Jahre, wiegt 45 Kilo – und bringt doch ziemliches Gewicht hinter seine Drohungen. Dann sind da noch Marco, Eftal, Juan: Münchner „Hey, Oida, langweil’ mi’ net“-Jungs von der Straße, die kurz vor dem Knast stehen. Man muss unweigerlich an die Schläger vom Münchner Arabellapark und dem S-Bahnhof Solln denken: Könnten diese Jungs vielleicht irgendwann auch...? Nein, denn sie sind Teil eines Sozialprojekts, das sie langsam, behutsam, geduldsam an die Gesellschaft heranführt. Durch Arbeit und Boxen. Durch intensive Gespräche. Durch Härte, aber auch freundliche Aufmerksamkeit.

Der Dokumentarfilmer Gerardo Milsztein hat das respektvoll beobachtet. Der Untertitel seines Films – „Das Jahr der Entscheidung“ – mag etwas reißerisch sein. Der daruntergemischte Rap von P:Lot klingt oft zu sentimental. Und mit dem weitgehend gelungenen Ausgang wandert der Film auf einem schmalen Grat. Einerseits würdigt er die allseitigen Anstrengungen. Andererseits entlässt er das Publikum vielleicht doch ein wenig zu besänftigt. Dennoch: Hier bekommen das Jugendgewaltproblem, die Integrationsdebatte und die Kinderarmutsfrage ein Gesicht. Man blickt es fasziniert an. Und mit Bangen. Julian Hanich

Heute 17 Uhr (Cinestar 7), 14. 2., 17.30 Uhr (Cubix 7), 19. 2., 15.30 Uhr (Colosseum)

FORUM

Tradition und Verlust:

„Crab Trap“ von Oscar Ruíz Navia

Ein einsames verschlafenes Dorf an der kolumbianischen Pazifikküste. Ein geheimnisvoller Fremder, der eines Tages zu Fuß dort ankommt. Und ein Boot, das nicht kommen will. Das sind die Zutaten zu „Crab Trap“, dem schönen, leisen Debütfilm des letztjährigen Talent-Campus-Teilnehmers Oscar Ruíz Navia aus einem Land, das bei uns gemeinhin mit Drogenkrieg und Großstadtdschungel assoziiert wird. Der Fremde erhofft sich von hier eine Bootspassage – wohin, bleibt unklar. Doch das einzige Motorboot ist mit den Fischern draußen auf dem Meer. Also bleibt der Weiße aus der Großstadt bei den afroamerikanischen Dorfbewohnern und passt sich langsam deren bedächtigem Lebensrhythmus an. Die Dörfler erhoffen sich von dem Fremden ein kleines Zubrot, um die karge Reisdiät aufzubessern. Denn das Dorf ist stärker mit der Außenwelt verbunden, als es zuerst scheint: Nicht nur Nachrichten und Telenovelas aus dem Fernsehen, auch die zurückgehenden Fischbestände greifen in die traditionelle Lebensweise ein. Der mit den wirklichen Bewohnern des Dorfes La Barra gedrehte semidokumentarische Film ist ein besonders gelungenes Beispiel für den Trend beim diesjährigen Forum, bisher filmisch unsichtbare Regionen auf der Leinwand erstrahlen zu lassen. Silvia Hallensleben

Heute 20 Uhr (Cubix 9), 14. 2., 22 Uhr (Cinemaxx 4), 15. 2., 12.30 Uhr (Arsenal 1), 17. 2., 15 Uhr (Cubix 7)

PANORAMA

Ruf und Schädigung:

„Kawasakiho ruze“ von Jan Hrebejk

Professor Josek ist ein kluger, eleganter Mann. Er macht nicht nur im Hörsaal, sondern auch zu Pferd eine gute Figur; er ist telegen, ohne Starallüren, und die Reportage, die das Fernsehen gerade über ihn dreht, wird ihm zu nationalem Ruhm verhelfen. Seine Vergangenheit ist die eines lupenreinen Dissidenten. Joseks Schwiegersohn Ludek stammt aus einer kommunistischen Familie und ist Kameramann bei eben jenem Fernsehteam, das die Biografie des Professors recherchiert. Er ist eifersüchtig auf den Schwiegervater und versucht heimlich, dessen makellosen Ruf zu demontieren. Tatsächlich taucht eine Akte auf, die Joseks Kollaboration mit dem kommunistischen Regime nach dem Einmarsch der Sowjets in Prag 1968 beweist. Die Reputation des Professors und seiner Frau steht auf dem Spiel.

In der Art eines liebenswürdig-altmodischen Politthrillers wird die Geschichte, die auf realen Biografien basiert, aufgerollt: Aussagen von Kafka, einem ehemaligen Geheimpolizisten, stehen denen des ehemaligen besten Freundes von Josek gegenüber, der ins Exil nach Schweden gehen musste. Der ist Bildhauer und wohnt jetzt in einer fröhlich-kreativen Künstlergemeinschaft. Wasser, Licht und Sonne Schwedens konterkarieren die düsteren, von einer unliebsamen Vergangenheit zeugenden Interieurs im regnerischen Prag. Hat Josek kollaboriert, um seinen Freund zu schützen? Oder ist er doch ein überzeugter Kommunist gewesen? Die Aussagen des Geheimpolizisten repräsentieren die Haltung von ehemaligen Handlangern autoritärer Regimes in aller Welt: unbelehrbar, selbstgerecht und machtbesessen.Daniela Sannwald

Heute 10.30 Uhr (Cinemaxx 7), 14. 2., 17 Uhr (Cubix 9), 16. 2., 22.30 Uhr (Cubix 7 & 8), 20. 2., 14 Uhr (International)

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